Sprache und Stil

Eine anspruchsvolle Sprache

Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili zeichnet sich durch eine anspruchsvolle Sprache aufgrund der vielen langen Sätze und komplizierten Satzstrukturen aus. Es finden sich viele Relativsätze und Konjunktionalsätze, zum Beispiel:

Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entrüstete ihn dergestalt, daß er sie in dem Karmeliter-Kloster unsrer lieben Frau vom Berge daselbst unterbrachte (Kleist, S. 9).

Zudem finden sich lange Aufzählungen von Ereignissen, die durch Kommata oder Semikola getrennt sind, zum Beispiel:

Dieser Vorfall machte außerordentliches Aufsehn; man brachte die junge Sünderin, ohne Rücksicht auf ihren Zustand, sogleich in ein Gefängnis, und kaum war sie aus den Wochen erstanden, als ihr schon, auf Befehl des Erzbischofs, der geschärfteste  Prozeß gemacht ward. (Kleist, S. 9)

Die Sprache der Erzählung wechselt zwischen einer schnell zusammenfassenden Berichterstattung, wie in dem obigen Beispiel, und einer detailreichen Beschreibung der Ereignisse. Hierbei schockiert vor allem die genaue Schilderung der Zerstörung der Stadt und der Brutalität am Ende der Geschichte:

Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder Eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert hatte. [...] Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel (Kleist, S. 26).

Bei der Beschreibung des Tals und der gemeinsamen Nacht im Tal finden wir eine sehr poetische Sprache mit vielen umschreibenden Adjektiven und zum Teil poetischen Wortneuschöpfungen und Zusammensetzungen, wie „wundermilden“ oder „silberglänzend“, und es wird durch einen Superlativ betont, dass es sich um die „schönste Nacht“ handelt (Kleist, S. 15): „Indessen war die schönste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag“ (Kleist, S. 15).

Oft hat die Sprache jedoch auch einen ironischen Ton, zum Beispiel, als von der Hinrichtung berichtet wird: „…und die frommen Töchter der Stadt luden ihre Freundinnen ein, um dem Schauspiele, das der göttlichen Rache gegeben wurde, an ihrer schwesterlichen Seite bei[zu]wohnen“ (Kleist, S. 10).

Manchmal sind sogar sprachliche Fehler in der Erzählung zu finden, z.B. als Jeronimo Josephe wiederfindet, die gerade ihr Kind in der Quelle reinigt. Es heißt jedoch: „an einer Quelle, […] ein Kind in seinen Fluten zu reinigen“ (Kleist, S. 13). „Seinen“ passt hierbei nicht zu „Quelle“.

Lange Sätze und Berichterstattung

Der Text besteht aus vielen langen Sätzen, die umfangreiche Informationen beinhalten und ein erschreckendes oder unerhörtes Geschehen in einem Atemzug zusammenfassen. Dadurch kommt ein nüchterner Stil zustande, der wie eine Berichterstattung wirkt. So lautet schon der erste Satz der Erzählung:

In St. Jago, der Hauptstadt des Königsreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, Namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. (Kleist, S. 9)

In diesem ersten Satz werden auf einen Schlag die Informationen über den Ort und die Zeit der Erzählung geschildert, das erschütternde Ereignis des Erdbebens eingeführt und eine der Hauptfiguren vorgestellt. So stellen wir gleich am Anfang eine Verschränkung des kolle...

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