Rezension

"Das alles ist das amüsanteste und leichtfertigste Zeug, das seit Langem in Deutschland geschrieben wurde (…) das Buch scheint nicht auf Dauer berechnet",[1] so lautet ein Kommentar zu "Professor" Unrat von Heinrich Manns Bruder Thomas Mann im Jahre der Publikation 1905. 

Mit seinem Urteil benennt Thomas Mann die große Stärke des Romans: Die Fähigkeit, den Leser zu unterhalten und zu amüsieren. Gleichzeitig kritisiert er ihn aber auch als belanglos und attestiert ihm deshalb eine gewisse Kurzlebigkeit. Mit dem letzten Punkt hat Thomas Mann nicht recht behalten, denn auch heute noch ist “Professor Unrat” weltweit bekannt und ist zur Schullektüre geworden.

Der Grund dafür ist vor allem in zwei Aspekten zu finden. Zum Ersten bietet "Professor Unrat" ein großes Identifikationspotenzial: Die schonungslose Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse, vor allem die des Schulalltags zur Zeit Wilhelms II., sprach zur Entstehungszeit vermutlich vielen Lesern aus der Seele, die in ähnlichen hierarchischen und autoritären Strukturen aufgewachsen waren. Insofern ist der Roman auch noch nach der Zeit Heinrich Manns aktuell, da sich derartige Gesellschaftsstrukturen auch in späteren Zeiten oder/und in anderen Kulturen auffinden ließen oder vielleicht sogar immer noch lassen.

Für den heutigen Leser sind die im Roman dargestellten schulischen und gesellschaftlichen Konventionen jedoch nicht mehr an der Tagesordnung, sodass der Aspekt der Identifikation in den Hintergrund tritt. Dafür liest sich der Roman heute als ein besonderes historisches Dokument einer bestimmten Epoche. 

Zum Zweiten ist der Roman äußerst spannend und unterhaltsam geschrieben, wie dies auch Thomas Mann kommentiert. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Protagonisten "Professor Unrat" ist so außergewöhnlich und skurril, dass man gerne weiterlesen möchte. Nicht nur die Hauptfigur ist bei aller Tragik ihres Charakters und Lebens durch viele komisch-groteske Merkmale gekennzeichnet, auch die Dialoge sind an vielen Stellen so gestaltet, dass sie eine große Sprachkomik aufweisen.

Daneben liest sich der Roman “Professor Unrat” aufgrund seiner klaren Struktur und Sprache sehr gut. Weil der Autor ein möglichst breit gefächertes Gesellschaftsbild präsentieren will, lebt der Roman von den sehr unterschiedlichen Figuren, Charakteren und Sprachweisen. So kann man als Leser für einen Moment in die unterschiedlichsten Welten eintauchen. Vor allem die stark psychologisierte Sicht auf die Hauptfigur ermöglicht oft ein Miterleben der wahnhaften Vorstellungen und Handlungsweisen des Protagonisten.

Der Roman ist nicht nur unterhaltsam. Mit "Professor Unrat" demonstriert Heinrich Mann letztlich einen eindrucksvollen Weg, auf humorvolle Art deutliche Zeit- und Gesellschaftskritik zu üben. Tragik und Komik sind auf eine kunstvolle Weise miteinander verwoben.

 

[1]    Thomas Mann: Briefwechsel 1900-1949, Frankfurt a. Main 1984, S.34.