Tyrann und Anarchist

Verachtung und Mitleid

Unrat hat keine anderen Bezugspunkte außer der Schule. Ein privates Leben führt er, seitdem er Witwer ist, nicht. Seine private Beschäftigung über die „Partikeln bei Homer“ (S.46), in Bezug auf die er sich für den eigentlichen Herrscher hält, der selbst über dem Monarchen und Bankier steht, ist im Grunde eine traurige Selbsttäuschung. Unrat studiert seit 30 Jahren in seiner Stube ein Thema, das aufgrund seiner Nebensächlichkeit in der Öffentlichkeit und auch innerhalb der Wissenschaft auf äußerst geringes Interesse stößt. Weil er sonst keine Erfahrungen im Leben sammeln konnte, scheint es so zu sein, als sei er „unversehens mit Machtbefugnis ausgestattet und aufs Katheder gehoben“ (S.16) worden. Für Unrat ist die Schule der einzige Bereich, in dem er sein Selbstbewusstsein gewinnen kann.

Der aus der Bestrafung zurückgekehrte Schüler „vergaß es Unrat nie“ (S.17), was er durch ihn erlitten hatte. Die Schüler sehen sich genötigt, sich auf ihre Weise für die Schikanen zu revanchieren, und finden ein geeignetes Mittel in der Verballhornung von Unrats Namen. Unrat wird von den Schülern geradezu zu einem „gemeingefährlichen Tier, das man leider nicht totschlagen durfte“ (S.11), degradiert.

Diese Aussage macht deutlich, dass die Schüler ihn mit Verachtung, aber auch mit Mitleid betrachten. Dass das Mitleid für Unrat die schlimmste Schmach darstellt, wird durch die Tatsache deutlich, dass er besonders den Schüler Lohmann hasst, der, anders als die übrigen Schüler der Klasse, Unrat nur mit Mitleid und mit „matter Geringschätzung“ (S.19) begegnet. Seine tyrannische Macht wird durch das Groteske seiner gesamten Erscheinung herabgesetzt.

Seine Hilflosigkeit versucht Unrat, mit tyrannischer Macht zu kompensieren. Der Umstand, dass er von den Schülern derart beschimpft wird, hat die böswilligen Charakterzüge Unrats nur noch weiter verstärkt. Unrat kann auf die Angriffe auf seine Person nur wieder mit dem gleichen Muster, seiner tyrannischen Wut, reagieren.

Komik und Heuchelei

Für die Stadtbevölkerung ist Unrat eine Figur, „die für jeden Komik umhertrug, aber für manchen eine zärtliche Komik“(S.36). Da die Stadt voll von ehemaligen Schülern ist, hat fast jeder männliche Bürger, egal welchen Alters, seine eigenen Erfahrungen mit Unrat gesammelt. Die Verachtung der Schüler verwandelt sich nach einigen Jahren in einen milderen, fast gutmütigen Blick auf Unrat (vgl. S....

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