Satire

Tiermetaphorik

Die Satire kritisiert Personen, Ereignisse oder Missstände, indem sie diese überspitzt und in lächerlicher Art und Weise darstellt. Im Gegensatz zur Komik und Parodie unterscheidet sie sich die Satire durch ihre kritische und anprangernde Haltung. Dafür nutzt sie die Übertreibung, die Ironie, den beißenden Spott, scharfe Witze oder den Sarkasmus. Heinrich Mann benutzt in seinem Roman zum Beispiel Tiermetaphorik, um die Eigenschaften der Figuren zu karikieren.

Diederich neigt dazu, den Menschen unter seinem Stand ihre Menschlichkeit abzusprechen. So macht er es bei den demonstrierenden Arbeitslosen in Berlin (vgl. S. 65) und über seinen Maschinenmeister Napoleon Fischer äußert er, ”die Vorderflossen hängen ihm bis an den Boden. Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen“ (S. 114). Doch es ist Diederich selbst, in dem ein „animalischer Haß“ (S. 111) gegen den schwarzbärtigen Sozialisten Fischer aufsteigt.

In der Erzählerdarstellung sind es eben nicht die  Romanfiguren aus der Unterschicht, die tierische Züge tragen oder als Tiere karikiert werden, sondern diejenigen aus der mittleren und oberen Schicht. Dazu gehört z. B. die runde und rosige Guste mit ihren Wurstfingern, die wie „ein frischgewaschenes Schweinchen“ (S. 103) aussieht.

Je höher in der Hierarchie man kommt, desto weniger schmeichelhaft werden die tierischen Eigenschaften. Der eitle und karrieresüchtige Assessor Jadassohn kräht (vgl. z.B. S. 126) wie ein Hahn und Landgerichtsdirektor Sprezius sieht aus „wie ein alter wurmiger Geier“ (S. 213) und krächzt (vgl. S. 215, S. 219) mit seinem „geschärftem Schnabel“ (S. 235).

Die animalischste Figur ist jedoch der Vertreter der Regierung, Regierungspräsident von Wulckow, der „mit großen, kotigen Stiefeln“ (S. 217) und „seiner verschwitzten Jagdjoppe“ (S. 224) im Gerichtssaal den „Geruch gewalttätiger Männlichkeit“ (S. 233) verbreitet, sodass alle von ihm abrücken, sich die Nasen zuhalten und Landgerichtsdirektor Sprezius ein Fenster öffnen lässt.

Dieser Herr von Wulckow hat „eine furchtbare Baßstimme“ (S. 140), mit der er „dröhnend“ (S. 285) spricht, statt einer Hand hat er eine „schwarze Tatze“ (S. 285) und den Kopf trägt er „wie ein Stier“ (S. 286).

Diedrichs Verwandlung zum Untertan

Die Steigerung Diedrichs Anpassung

Bereits der Titel des Romans Der Untertan' verweist auf die Bedeutung, welche die Hauptprotagonist Diederich Heßling als treuer und ergebener Untertan Kaiser Wilhelms II verkörpert. Er vollzieht eine Verwandlung, die sich auf verschiedenen Ebenen zeigt. Seine äußere Erscheinung, sein Mimik - wie das typische Blitzen der Augen, seine Verhaltensweise und seine Sprache, wie beispielsweise die Kaiser – Zitate (vgl. Analyse) - verdeutlichen diese Angleichung (siehe dazu Abschnitt „Diedrichs Anpassung und Wandlung“).

Von Kapitel zu Kapitel steigert sich Diedrichs Anpassung, bis er sich schließlich vollkommen mit dem Kaiser identifiziert. Seine stetige Verwandlung zum Untertan, die besonders in jedem Kapitelende zum Ausdruck kommt, stellt nicht nur ein strukturstiftendes Mittel, sondern auch ein Beispiel der satirischen Gestaltung des Romans dar. Diederichs unbedingte Hingabe an die kaiserliche Autorität wirkt durch die satirische Erzählweise überzogen, sodass der Untertan schließlich als lächerliche Karikatur des Kaisers Wilhelm II erscheint.

Nachfolgend werden einige der markanten satirischen Passagen in Bezug auf Diederichs Metamorphose zitiert, in denen er auf lächerliche Art und Weise darstellt wird:

1. Kapitelende: Erste Begegnung mit dem Kaiser

Als Diederich den Kaiser während der Arbeiterdemonstration in Berlin zum ersten Mal trifft, ist er vollkommen berauscht von dieser Begegnung: “Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich konnte ihn sehen, in den steinernen Ernst und das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. (…) Er schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten Raserei“ (S. 63).

Diederich erscheint fast wie ein Wahnsinniger. Sein Rausch wird auch sprachlich durch die aneinandergereihten Ausrufe, die Diederichs Gedanken ausdrücken, kenntlich gemacht: “Auf dem Pferd dort (…) ritt die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die über Hunger, Trotz und Hohn hingeht!“ (S. 63).

Auffallend ist, dass der Plural dann verwendet wird, wenn Diederichs Begeisterung dargestellt ist. Das „wir“ (S. 63) macht deutlich, dass sich Diederich als Teil eines großen Kollektivs begreift:“ Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts (…) steigen wir in gegliederten Massen (...)“ (S. 64). Seine Begeisterung für den Kaiser ist so groß, dass sich Diederich vollkommen in ihn hineinversetzt. Er fühlt sich „als reite er selbst über all diese Elenden hinweg“ (S. 64). Das hohe Pathos der Sprache, der diese Szene beschreibt, wirkt vollkommen übertrieben.

Noch deutlicher zeichnet sich der satirische Moment dann ab, als Diederichs Hingabe jedoch jäh unterbrochen wird, als er seinem großen Idol tatsächlich begegnet. Seine wahnsinnige Begeisterung führt für ihn zu einem tiefen Fall. Seine Unterwerfung scheint hier buchstäblich umgesetzt. Diederich landet gerade in dem Moment in einem Tümpel, als der Kaiser ihm gegenübertritt. So blickt der treue Untertan zu dem Kaiser aus einem lächerlichen Zustand „beschmutzt, zerrissen, die Augen wie ein Wilder“ (S. 64) aus einer Lache heraus empor, „die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser“ (S. 64).

Die ...

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