Macht und Gewalt

Heinrich Manns Roman Der Untertan behandelt das Thema der Macht und Gewalt als zentralen Gegenstand. Die Hauptfigur Diederich Heßling hat die Macht stets „in ihrem Räderwerk“ (S. 13). Herauszulesen ist demnach eine eindeutige Kritik des Autors an einer Gesellschaft, die das weiche Kind zu einem tyrannischen Untertanen 'erzieht'.

Die Entwicklung der Hauptfigur Diederich ist vor allem durch die Gesellschaftsform, die Struktur und die Werte der wilhelminischen Gesellschaft sowie seine Sozialisation in der Familie und in der Schule bestimmt. Der Handlungsverlauf zeigt einen bestimmten Prozess: Die ersten beiden Kapitel zeigen Diederichs Erfahrung von Macht und Gewalt und  präsentieren die erste Anzeichen seines Tyrannentums, während in den Kapiteln drei bis sechs seine eigene Machtausübung immer deutlicher hervortritt.

Kapitel 1-2: Erfahrung von Macht und Gewalt in der Kindheit

Die Macht der Fantasiewelt

Die Themen Macht und Gewalt begegnen dem Protagonisten Diederich Heßling von Kindesbeinen an. Gleich der erste Satz des Romans macht deutlich, dass Diederich eigentlich ein „weiches Kind“  war, das sich gleichzeitig „vor allem fürchtete“ (S. 9). Bereits seine kindlichen Fantasiewelten verdeutlichen die Ambivalenz: Das „geliebte Märchenbuch“ (S. 9), in das sich das träumerische Kind flüchtet, versetzt ihn gleichzeitig in Angst und Schrecken: „Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst!“ (S. 9).

Auch an ein Burggespenst glaubt Diederich und fürchtet sich ebenso vor ihm. Die Angst, die Diederich durch die Märchen und Spukgeschichte bekommt, wird ihm von der Mutter vererbt, „Sie teilte ihm die Angst mit (…) und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige Grausen“ (S. 11,12).

Im Machtgefüge mit der Mutter

Die Mutter, die ihm in ihrer Weichheit ganz ähnlich ist, kann Diederich gerade deswegen nur verachten, „Denn er achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechtem Gewissen durch das Leben, das vor den Augen des Herrn nicht hätte bestehen können“ (S. 11). 

Mutter und Sohn teilen nicht nur den Hang zur Weichheit und Ängstlichkeit. In dieser Hinsicht sind sie zwar 'Verbündete', doch haben sie auch ein feindliches Verhältnis. Beide stehen unter der Herrschaft des Vaters. Um seiner Gunst willen spielt Diederich seine Mutter aus und droht, sie bei dem Vater anzuschwärzen, wenn diese „verzerrt von Rachsucht“ (S. 11) schlägt. Die Angst der Mutter ergötzt den Sohn (vgl. S. 11). In ihrer Beziehung wird ein wechselseitiges Machtgefüge deutlich, in dem sich Diederich überlegen fühlt.

Verehrung des mächtigen Vaters

Der Vater war noch „fürchterlicher als Gnom und Kröte“ (S. 9). Diederich hat eine zutiefst ambivalente Beziehung zu ihm. Es schwankt zwischen Liebe und Angst: „Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm“ (S. 9). Hier zeigt sich ein deutlich pervertierter Umgang mit den Gewalttaten des Vaters: Diederich fürchtet den Vater und seine Strafen und führt sie gleichzeitig, ähnlich wie ein reumütiger Hund, flehentlich herbei.

Die Strafen des Vaters werden für Diederich zu einer Anerkennung seiner Persönlichkeit, eine Bestätigung der Wichtigkeit seiner Person. Durch die Strafen fühlt er sich als Teil dieser Macht. So kann er verachtend auf die angestellten Arbeiter in der Fabrik seines Vaters herabschauen: „Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig“ (S. 9). 

Verlässt den Vater für einen Moment die Macht, so bereitet es Diederich heimlichen Genuss: „Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände“ (S. 9).

Bereits in der Figur des Vaters zeigt sich eine Ähnlichkeit zu Kaiser Wilhelm II. Er hat einen „silbrigen Kaiserbart“ (S. 10) in einem „verwitterten Unteroffiziersgesicht“ (S. 10). Vor allem sind es die Tugenden des Gehorsams und der „Ehrenfestigkeit“ (S. 10), die der Vater an dem Sohn weitergibt, sowie die Ehrfurcht vor Gott, den Diederich als ebenso strenge und strafende Autorität wahrnimmt.

Doch nicht nur der Vater: Ob Polizist, Arzt, Schornsteinfeger oder das Burggespenst, Diederich wächst mit der Ehrfurcht vor diesen Autoritäten auf, wie beispielsweise auch der alte Herrn Buck seit Ki...

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