Heinrich Manns Stellungnahme und Botschaft

1910 – Geist und Macht

Heinrich Mann arbeitete acht Jahre lang an dem „Untertan“. Die ersten Notizen zu den Romanfiguren und der Handlungsstruktur stammen aus dem Jahr 1906. Ab Januar 1914 wird das Werk schließlich als Fortsetzungsroman veröffentlicht – wenn auch nicht deshalb komplett, da die Redaktion des Verlags den Abdruck beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 als zu kontrovers beurteilte.

Während dieser langen Entstehungszeit bringt Mann eine Vielzahl anderer fiktionaler und non-fiktionaler Werke heraus, darunter 1910 den Essay „Geist und Tat“.  In diesem Essay, der sozusagen auf halbem Wege zwischen den ersten Notizen und dem Abschluss des „Untertan“ verfasst wurde, werden Heinrich Manns Geisteshaltung und die Motivation, aus der heraus der „Untertan“ entstand, besonders gut beleuchtet.

In „Geist und Tat“ stellt er Franzosen und Deutsche einander gegenüber. Die Franzosen nennt er „das geistigste und tätigste“ [1] Volk, das es je gab, da es zur Tat schritt und eine Revolution begann, „als es erfuhr, daß es eine Gerechtigkeit und eine Wahrheit gäbe“[2].  In Deutschland jedoch, „wo so viel gedacht ward“[3], herrschten weiterhin „Gottes Gnade und die Faust“[4], da das deutsche Volk zu träge sei, um „für den Geist zu streiten“[5] und einfach nur leben wolle, wie eingeschränkt das Leben auch sei. Der Autor schreibt:

„Man klammert sich an Lügen und Ungerechtigkeit, als ahnte man hinter der Wahrheit einen Abgrund. Das Mißtrauen gegen den Geist ist Mißtrauen gegen den Menschen selbst, ist Mangel an Selbstvertrauen. Da jeder einzelne sich lieber beschirmt und dienend sieht, wie sollte er an Demokratie glauben, an ein Volk von Herren.“ [6]

Heinrich Mann setzt „Geist“ nicht nur mit den Idealen Gerechtigkeit und Wahrheit gleich, sondern mit dem „Leben selbst“[7] und stellt fest, dass die Deutschen die Wahrheit und die Freiheit fürchten, da sie ihren Wert und ihre Würde nicht erkennen. Laut dem Schriftsteller fehlt ihnen das Selbstvertrauen, das notwendig ist, um eine Demokratie aufzubauen, in der jeder das gleiche Recht und den gleichen Wert genießt, in der daher alle „Herren“ sind.

Nach Heinrich Mann ist es demnach vor allem ein allgemeiner Minderwertgkeitskomplex oder sogar „Selbstverachtung“[8] der Grund dafür, dass die Deutschen nicht Selbstbestimmung anstreben und  „die tätige Verbrüderung, die ein Volk groß macht“[9], sondern sich einen sogenannten ‚großen Mann‘ suchen, „ein Manneswunder und Ausbund aller Herrlichkeit“[10], in den sie „allen Ehrgeiz, alles Selbstbewusstsein“[11]setzen.

Diese Charakterisierung der Deutschen beschreibt Diederich Heßling, den Protagonisten des entstehenden Romans, im Kern. Dessen Kaiseranbetung resultiert aus einem Mangel an Selbstwertgefühl und seine antidemokratische Haltung wurzelt in der Verachtung für Menschen niedrigen Stands und nicht zuletzt aus der Verachtung seiner selbst. Würde findet er nur darin, „einem herrlichen jungen Kaiser“ (S.75) zu gehorchen und zu dienen.

Diederich Heßling verkörpert damit das deutsche Volk, so wie Heinrich Mann es in „Geist und Tat“ darstellt, d.h., Diederich repräsentiert den Deutschen an sich. Er steht beispielhaft für das Bürgertum im wilhelminischen Kaiserreich, das die eigene Klasse vor den Forderungen des Arbeitertums schützt, indem es das eigene Streben nach Freiheit und Gleichheit aufgibt und sich stattdessen den alten Hierarchien unterwirft. Angeheizt durch mangelndes Selbstwertgefühl und wirtschaftliche Privatinteressen, entwickelt sich so ein radikaler Nationalismus, der sich gleichermaßen gegen die deutsche Arbeiterschaft wie gegen den Nachbarstaat Frankreich richtet.

Im weiteren Verlauf des Essays geißelt Mann die deutschen Literaten, die, statt dem Geist zu dienen, der ihnen „die Würde des Menschen auferlegt“[12] hat, „für seinen Todfeind, die Macht“[13] arbeiten und daher „als bewunderter Anwalt des Bösen“[14] wirken. Er wirft ihnen vor, mit ihrer Subjektivität „der Welt eine Statistenrolle zugeteilt“[15] zu haben, und fordert sie dazu auf, für das Volk – und damit für den Geist, d.h. für Gerechtigkeit, Wahrheit und Demokratie – einzutreten und öffentlich wirksam zu werden:

„Sie [die Literaten] sollten herrschen, dadurch, daß das Volk herrscht. Sie sollten diesem Volk das Glück vermitteln, sich wahr zu sehen, damit es sich höher achte und wärmer fühle. Die Zeit verlangt und ihre Ehre will, daß sie endlich, endlich auch in diesem Lande dem Geist die Erfüllung seiner Forderungen sichern, daß sie Agitatoren werden, sich dem Volk verbünden gegen die Macht, daß sie die ganze Kraft des Wortes seinem Kampf schenken, der auch der Kampf des Geistes ist. [...] De...

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