Gesellschaftspanorama in Netzig

Die politische Landschaft

Das provinzielle Netzig ist klein und überschaubar, hier kennt jeder jeden mit Namen, zumindest im Bürgertum, die Menge der Arbeiterschaft bleibt - bis auf eine tragische Ausnahme abgesehen - namenlos. Und gerade aus dieser Überschaubarkeit heraus entsteht ein Gesellschaftspanorama, in dem Adel, Arbeiter und Arbeiterführer sowie Justiz, Kirche, Politik, Presse, Industrie, Schulwesen und Militär repräsentiert sind.

Zur Zeit von Diederichs Wiederkehr nach dem Studienabschluss existiert bereits eine bedeutende Gruppe von Bürgern, die national-konservativ ausgerichtet ist, dazu gehören u. A. Pastor Zillich (Kirche), Assessor Jadassohn (Staatsanwaltschaft) und Major Kunze (Militär). Der Konfikt schwelt bereits, doch bestehen noch ein höflicher Ton und ein geduldiges bzw. geduldetes Miteinander in der Stadtgemeinschaft. Bürgermeister Scheffelweis, welcher der nationalen Seite zuneigt, aber aus Angst vor der liberalen Mehrheit im Magistrat nicht Stellung beziehen will und dies damit entschuldigt, dass er ”die Dinge objektiv und voraussetzungslos” (S. 123f.) betrachten müsse, wirkt noch als Puffer zwischen Freisinnigen und Kaisertreuen (vgl. Grafik: politische Figurenkonstellation).

Christlichkeit und Sittlichkeit

Im Kapitel III des Romans, in dem Diederich in seine Heimatstadt zurückkehrt, wird das aktuelle politische Bild in Netzig daher besonders eingehend dargestellt. Hier trifft Diederich zunächst auf Jadassohn, einen Assessor der Staatsanwaltschaft. Schnell stellt sich heraus, dass Jadassohn antisemitisch und den Liberalen gegenüber feindlich eingestellt ist. Es kommt zu einer politischen Debatte, bei der Diederich nun eindeutig Position bezieht. Viele von Jadassohns Gedanken, vor allem die nationale Idee und die Kaiserverehrung, sprechen ihm aus der Seele. Auch die Scheinheiligkeit und die Heuchelei der angesehenen und einflussreichen Bürger der Provinzstadt werden in dem Kapitel verdeutlicht.

Bevor Diederich und Jadassohn gemeinsam Pastor Zillich aufsuchen, haben sie bereits im Ratskeller „auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und Altar“ (S. 130) getrunken. Zusammen mit Pastor Zillich beklagen sie daraufhin die Feindseligkeit gegenüber den „kirchlichen und religiösen Dingen“, welche die Mehrheitspartei in Netzig an den Tag legt, und bezeichnen es als unerhört, dass die Kirche am Sonntag weniger gut besucht ist als „die freigeistigen Vorträge des Doktors Heuteufel“ (S. 133).

Auf dem Weg zum Dämmerschoppen bei Klappsch ereifert sich der Geistliche über das Theater, den „Tempel der Sittenlosigkeit“ (S. 136). Jadassohn gibt zu bedenken, dass der Kaiser den „freimaurerischen Unfug“ (S. 136) missbillige und Diederich erinnert noch einmal an den Fabrikanten Lauer, der seine Arbeiter am Gewinn beteiligt, was Diederichs Meinung nach „unmoralisch“ (S. 126) ist.

Doch bereits zu diesem Zeitpunkt steht fest, dass die Sittenprediger es selbst mit der Moral nicht genau nehmen. Jadassohn nutzt jede gute Gelegenheit, um Stubenmädchen und Kellnerinnen zu begrapschen. Diederich hat in Berlin ein Mädchen sitzen lassen, dem er die Ehe versprochen hatte, und er nähert sich Guste Daimchen und Käthchen Zillich handgreiflich. Darüber hinaus stellt er fest, dass Guste  - die „zu früh“ (S. 263) geboren wurde und von der behauptet wird, sie sei nicht Daimchens leibliche Tochter – der Pastorentochter Käthchen ungemein ähnlich sieht. Der Leser darf eigene Schlüsse ziehen, wessen Tochter Guste wohl sein mag.   

Was Diederich sich selbst erlaubt, duldet er nicht bei seinen Angestellten. Als er in seiner Papierfabrik ein Liebespaar in den Säcken entdeckt (dort, wo er sich mit Guste später selbst wälzen wird), beschimpft er sie als „Schweine“ und „Diebe“ (S. 122) und kündigt ihnen auf der Stelle. „Deutsche Zucht und Sitte verlang ich hier“ (S. 112) poltert er.

Die Erschießung des entlassenen Arbeiters als Katalysator

Die drei Herren, Diederich, Jadassohn und der Pastor sitzen in einer Gastwirtschaft, als sie plötzlich einen Schuss hören. Vor dem Regierungsgebäude des Regierungspräsidenten von Wulckow hat ein Wachtposten einen demonstrierenden Arbeiter erschossen. Diederich und seine Begleiter eilen hinzu. Der Arbeiter war ein Angestellter aus Diederichs Fabrik, den er kurz zuvor entlassen hatte. Von Wulckow nimmt den Wachtposten in Schutz, belobigt ihn sogar und auch Diederich und Jadassohn sind sich darin einig, dass er nur seine Pflicht erfüllt hat.

Diederich sieht darin sogar eine heldenhafte Tat. Als Jadassohn die verzweifelte ...

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