Diedrichs Anpassung und Wandlung

Kindheit und Jugend

Weicher Kern, harte Schalle

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten [...].“ (S. 9)

Mit diesen Worten beginnt der Roman über der obrigkeitshörigen Aufsteiger Diederich, der seine Ziele mit Härte und Machtpolitik erreichen wird. Er ist der Sohn eines Unteroffiziers, der nach dem Deutsch-Französischen Krieg die Heßlingsche Papierfabrik gegründet hatte. 

Dem Vater sind dann „Ehrenfestigkeit und Pflicht“ ins Gesicht geschrieben, wenn er Diederich „methodisch“ (S.10) schlägt. Diederich empfindet eine große Angst vor seinem Vater, dennoch – oder gerade deswegen – liebt er ihn und bringt ihm „Ergebenheit und Vertrauen“ (S.9) entgegen.

Für seine Mutter jedoch empfindet er Verachtung, denn sie ist ihm zu ähnlich. Beide sind weich, naschhaft, verlogen, sentimental und pressen an den Festtagen „gemeinsam, vermittelst Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen, den letzten Tropfen Stimmung heraus“ (S. 11).

Und wenn Diederich nach Art der Mutter nascht und lügt, bleibt er „schmatzend und scheu wedelnd“ (S.9) in der Nähe des Vaters, um seine gerechte Strafe in Form der väterlichen Schläge zu empfangen. Hündische Verehrung für gewaltsame Männer mit Schlagstöcken (der Vater, die Lehrer oder Offiziere) und Verachtung für Gefühlsseligkeit und Weichheit – das bedeutet die Verachtung seiner eigenen Person - bilden den Kern von Diederichs Charakter.

Sein ganzer Werdegang beruht im Grunde auf der Ambition, diese Weichheit loszuwerden und hart zu werden. Die harte Schale bleibt aber immer eine Maske bzw. ein Schutzpanzer – auch wenn er sich selbst nicht darüber im Klaren ist.

Opfer und Täter

Diederich sieht „Die kalte Macht“ (S. 13) in verschiedenen Personen verkörpert, wie dem Vater, dem Polizisten oder den Lehrern. Er fühlt die staatlichen Organisationen davon durchdrungen, sei es die Schule oder das Militär. Er litt unter der Gewalt, die ihm selbst angetan wurde, doch gleichzeitig vermittelte sie ihm das beglückende Gefühl der Zugehörigkeit.

So heißt es über Diederichs Zeit auf dem Gymnasium: „Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit zu einem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war.“ (S. 13).

Er zeigt nur Respekt gegenüber den Menschen, die ihn quälen, und verliert die Achtung vor denen, die es nicht tun: „Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und willfährig. Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare Streiche, denen er sich rühmte.“ (S. 12).

Einmal wird er „zum siegestrunkenen Unterdrücker“ (S.15), als er seinen jüdischen Mitschüler, den zu hänseln „üblich und geboten war“ (s. 15), vor dem Kreuz in die Knie zwingt. Diederich fühlt sich stark durch den „Beifall ringsum [...]. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstvertrauen, das kollektiv war“ (S. 15).

Diese feige Vorführung von Macht gegenüber einem Wehrlosen bringt ihm „die Gunst des Ordinarius“ (S. 15) ein und die Stellung eines ‚geheimen Aufsehers‘ (vgl. S. 15). In dieser Position ist er „gut Freund mit allen“ (S. 16) und fühlt „wollüstiges Erschrecken“, wenn er vonseiten seiner Mitschüler Bemerkungen gegen die Lehrer hört, da er erkennt, dass hier „an den Herrschenden gerüttelt“ (S. 16) wird. Darüber empfindet er „lasterhafte Befriedigung“ (S. 16), denn er fühlt im Grunde auch „Haß“ (S. 16) gegenüber den Machtausübenden. Doch er sühnt diese „sündhafte Regung“ (S. 16), indem er die ihm verliehene Macht ausübt und als „pflichtmäßiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit“ (S. 16) die schuldigen Mitschüler anzeigt.

Diederich und die Neuteutonen

Halt, Freiheit und Bierbauch

Diederich ist unter seiner harten Schale dazu in der Lage, Liebe und Zärtlichkeit zu fühlen und Macht und Herrschaftsstrukturen zu hinterfragen. Doch sein Mangel an Selbstwertgefühl veranlasst ihn letztendlich immer wieder dazu, den Obrigkeitsstaat zu stützen. Alleine fühlt er sich nicht als vollwertiger Mensch, er braucht die von oben verliehene Macht und die Sicherheit, die er in der Gruppe findet. Diesen Halt in der Gruppe fühlt er das erste Mal in der Studentenvereinigung Neuteutonia.

Von seinem Schulkameraden, dem Pharmaziestudenden Gottlieb Hornung, wird Diederich bei den Neuteutonen eingeführt und von der Korperation als „Konkneipant“ (S.31) aufgenommen – d.h.  als Mittrinker.

„Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen großen Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt im Frieden.“ (S.31)

Hier braucht Diederich keine eigenen Entscheidungen mehr zu treffen und keine Verantwortung zu übernehmen, hier wird ihm die Last des selbstständigen Denkens und des freien Willens abgenommen. Gerade aus dieser Entindividualisierung zieht er nun die Lebensberechtigung und den Selbstwert, die er sich als einzelner Mensch nicht zusprechen kann:

„Ihm war, wenn es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazugehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann hätte sich einmal heranwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären statt Diederichs gegen ihn aufgestanden!“ (S. 32)

Der Alkohol trägt seinen Teil dazu bei, dass Diederich in eine gehobene Stimmung kommt, die er als Freiheit und religiöse Erhebung erlebt:

„Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben [...]. Beim Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert und war ein freier Mann, innerlich frei. [...] Man breitete sich, vom Biertisch her, in die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja, das Bier erhob einen so sehr über das Selbst, daß man Gott fand!“ (S. 34)

Ironischerweise findet tatsächlich einer der Neuteutonen, der dicke Delitzsch, dank des Biers ‚zu Gott‘ – indem er an den Folgen des Kneipens stirbt. An seinem Grabe wird schließlich von einem Neuteutonen deklamiert, „er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des Idealismus den höchsten Preis errungen“ (S.38).

Doch die studentische „Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus“ (S. 34) wird erst durch die Mensur vollendet und Diederich benimmt sich auch in diesem Zusammenhang „willig und gelehrig“ (S. 35) und lernt „fechten, schneller als andere“ (S.35). Seine Schmisse und seinen Bierbauch wird er ab jetzt stolz als Zeichen seiner Männlichkeit tragen – und als Zeichen seiner Zugehörigkeit zu einem ehrenvollen und schützenden Ganzen.

Wiebels Leibfuchs

Nun gerät er unter den Einfluss des Juristen Wiebel, dessen Leibfuchs er wird. Wiebel beeindruckt ihn mit seiner vornehmen Kleidung und seinen eleganten „Manieren“ (S.35). Er erhebt auch Anspruch auf einen höheren gesellschaftlichen Status, indem er „mit leiser, arroganter Feudalstimme“ (S. 35) spricht. Der „starke männliche Duft“ (S.36), der von ihm ausgeht, und „seine abstehenden Ohren“ (S.36) weisen schon auf von Wulckow und Jadassohn voraus, unter deren Fuchtel Diederich später kommen wird. Doch bezahlt Wiebel seine Wirtin nicht und erzählt zur Bewunderung aller von einem „Vetter von Klappke“ (S. 36), obwohl er viel wahrscheinlicher mit einem „Zahlmeister“ (S. 37) verwandt ist. 

Doch Diederich, der sich durch den Dienst bei Wiebel erhöht sieht, lässt sich gerne täuschen. Er hat Wiebels Aussehen, Kleidungs- und Redestil „immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu seinem Gönner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht aufs Dasein bestätigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich vor glücklicher Bewunderung“ (S. 36).

Hündisch dient er seinem Herrn und hält dann Wache, wenn „Wiebel ein Bedürfnis“ verrichtet (S. 36). Auch die Verbindung zwischen Macht und Fäkalien, die sich durch den Roman zieht, beginnt hier. Als Wiebel sein Referendariat antritt, übernimmt Diederich die Pflicht, die Nachwuch-Neuteutonen anzulernen. Diese Machtstellung füllt er „im Gefühl hoher Verantwortlichkeit und Strenge“ (S. 59) aus und verhängt harte Strafen, doch ist der Grund dafür „einzig sein hoher Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts“ (S. 39). 

Mannesehre, Gemütlichkeit und Gruppenidentität

Der Tod von Diederichs Vaters setzt dem Leben in der Studentenverbindung und seiner Machtposition ein Ende. Er muss nun seinen Militärdienst antreten. In Bezug auf das Militär findet er, dass die „persönliche Würde auf ein Mindestmaß“ (S. 49) herabgesetzt wird, was ihn beeindruckt und ihm „eine tiefe Achtung und etwas wie selbstmörderische Begeisterung“ (S.49) einflößt. Er zeigt „den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung“ (S. 51) und wird „ganz erfüllt von den militärischen Idealen der Tapferkeit und Ehrliebe“ (S. 51). Doch fehlen ihm hier die „Pausen der Gemütlichkeit [...]. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher Wille knetete.“ (S. 50).

Diederich hält die körperlichen Strapazen des Dienstes nicht aus, täuscht eine Fußverletzung vor, und lässt seine Beziehungen zur Neuteutonia spi...

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