Diederich und der alte Buck

Die Opposition zwischen Diederich und Buck

Die Romanfigur, die weitestgehend die Position des Autors vertritt, ist der alte Buck. Wenn Diederich den durchschnittlichen Deutschen vertritt, so ist der alte Buck derjenige, der den französischen Geist repräsentiert, der in Manns Essay „Geist und Tat“ (1910) als tatkräftig und ‚gleichmacherisch‘ dargestellt wird (siehe dazu „Heinrich Manns Stellungnahme und Botschaft“).

Der alte Buck ist bis zu dem Zeitpunkt, an dem Diederich die Fabrik seines Vaters übernimmt, der ehrenwerteste Bürger der Kleinstadt Netzig. Sein Ansehen beruht darauf, dass er bei der Märzrevolution 1848 aktiv dabei war und nach dem Scheitern der Revolution zum Tode verurteilt worden ist, wenn auch das Urteil nicht vollstreckt wurde. In den darauffolgenden Jahrzehnten macht er sich als tatkräftiger Stadtpolitiker einen Namen, setzt sich für das allgemeine Wohl, den Gemeinsinn und die Menschlichkeit ein und kümmert sich um das finanzielle und wirtschaftliche Wohlergehen der Mitbürger jedes Standes.

Als Diederichs Vater stirbt, kommt er zu den Heßlings, um zu kondolieren. Die ersten Worte, die er in dem Roman spricht, vermitteln einen tiefen Einblick in seine Geisteshaltung und drücken die Hoffnung aus, dass der jungen Diederich diese Geisteshaltung teilen wird: „Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten.“ (S. 46).

Der ängstliche und unsichere Diederich steht aber zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Seite derer, welche die Mächtigen verehren und sich unterordnen, um durch die Gnade der Autoritäten Macht über Niedrigere ausüben zu können. Da er sich selbst keine „Menschenwürde“ zugesteht, kann er andere nicht als würdig und manche noch nicht einmal als Menschen anerkennen. Als z. B. Agnes Göppel über die demonstrierenden Arbeitslosen äußert, es seien „ja auch Menschen“ (S. 65), rollt Diederich mit den Augen und stellt fest: „Menschen? [...] Der innere Feind sind sie!“ (S. 65).

Er steht dem alten Buck und seinen demokratischen Ansichten feindlich gegenüber, doch hat er bei seiner Rückkehr nach Netzig nicht den Mut, dem renommiertesten Bürger der Stadt nicht als Erstem seine Aufwartung zu machen.

Das erste Streitgespräch zwischen Diederich und Buck

Bei diesem Gespräch treten die Gegensätze in ihren politischen Meinungen offen zu Tage, auch wenn die Unterhaltung stets höflich bleibt. So dankt Diederich dem alten Buck persönlich für die Hilfe, die sein Vater von ihm erfahren hat, doch Buck besteht darauf, dass er nicht ihm, sondern „den gerechten Zuständen unseres Gemeinwesens“ (S. 116) zu danken habe. Er stellt Diederich auch Hilfe bei dessen eigenen Firmenvergrößerungsprojekten in Aussicht und stellt fest: „Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, außer den Tyrannen“ (S. 117).

Hier gibt Diederich seine eigene Meinung zu erkennen, indem er konstatiert: „Aber wir haben doch, dank der Hohenzollern, das einige Deutsche Reich“ (S. 117). Diese Aussage lässt den alten Buck seine Gelassenheit verlieren: „Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom Stuhl auf. „Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert!“ (S. 117f.)

Nun denkt der alte Buck zurück an die Zeit der Revolution von 1848, in der er und seine Kampfgenossen meinten, das deutsche Volk sei reif für Freiheit und Selbstbestimmung. Doch, stellt er fest, hätte es auch damals schon viele gegeben, „die, unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie, in irgendeiner Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen" (S. 118).

Im Folgenden spricht er auch Diederich persönlich an, indem er sagt, „und indes ihr Geld verdient, wie ihr könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich – auch noch eine Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben würden“ (S. 118).

Damit macht er klar, dass in dem von den Fürsten gegründeten Deutschen Kaiserreich die Wirtschaft frei ist, aber nicht der Mensch, denn das Militär untersteht dem Kaiser und nicht dem Volk. Das ist ein Ergebnis der gescheiterten Revolution, an deren Ende er sich wie folgt erinnert:

„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität der Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte.[...] Wir huldigten keinem sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und verraten, hier oben im Hause mit me...

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