Die wilhelminische Zeit

Das Deutsche Kaiserreich

Kaiser Wilhelm I. stirbt am 09. März 1888, woraufhin sein Sohn, der liberale, aber bereits an Kehlkopfkrebs erkrankte Friederich III. deutscher Kaiser wird. Friederich III. stirbt bereits am 09. März 1888, nur 99 Tage nach seiner Thronbesteigung.

Nun beginnt die Regierungszeit Wilhelms II. (1888-1918), der zur Zeit seiner Krönung 29 Jahre alt ist, sich als Herrscher von Gottes Gnaden versteht und dem Parlamentarismus ablehnend gegenübersteht. Der Kaiser fordert die unbedingte Anerkennung seiner Autorität bis hin zu einem regelrechten Kult um seine Person. Infolge seiner schweren Geburt ist sein linker Arm gelähmt, ein Umstand, den er sich bemüht zu verstecken, u. A. mithilfe einer Vielzahl von Uniformen.

Bei dem Deutschen Kaiserreich handelt es sich um einen Bund der deutschen Landesherren und freien Reichsstädte, um eine preußisch dominierte, konstitutionelle Monarchie, in der das monarchische Prinzip herrscht, was bedeutet, dass die Staatsgewalt vom Kaiser ausgeht – nicht vom Volk. Heer, Bürokratie und Diplomatie sind dem Kaiser unterstellt, der gleichzeitig preußischer König ist. Ihm steht der Reichskanzler zur Seite, der zugleich das Amt des preußischen Ministerpräsidenten innehatte.

Am 20. März 1890 entlässt Wilhelm II. den altgedienten Reichskanzler Otto von Bismarck jedoch, um die Reichsgeschäfte persönlich in die Hand zu nehmen. Die folgenden Kanzler folgen den Weisungen ihres Monarchen.

Die Gründerzeit und Gründerkrise

Dank der Reparationszahlungen, die Frankreich leisten muss, erlebt Deutschland einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und entwickelt sich in kürzester Zeit von einem Agrarstaat zu einem Industrieland. In der Hochkonjunktur werden zahlreiche mittelständische Unternehmen gegründet, weshalb vor allem die beiden Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg als die „Gründerzeit” bezeichnet werden.

Gleichzeitig treiben Spekulanten die Bodenpreise und Mieten in die Höhe. Im Jahr 1873 brechen die Finanzmärkte ein und dem ”Gründerkrach” folgt eine Zeit wirtschaftlicher Stagnation, die von einer ansteigenden Arbeitslosigkeit, einer sozialen Unzufriedenheit und dem Niedergang von Handel und Gewerbe begleiten wird. Der allgemeine Industrialisierungsprozess wird aber nach 1873 nicht unterbrochen.[1]

Im Roman „Der Untertan“ ist die Heßlingsche Papierfabrik, die Diederichs Vater nach seiner Heimkehr aus dem Krieg gründet, ein typisches Beispiel für ein mittelständisches Unternehmen in dieser Zeit. Unter der Führung des strengen, aber gerechten Vaters läuft die Fabrik zufriedenstellend. Als Diederich sie Anfang der 1890er Jahre übernimmt, will er expandieren und schafft schließlich ein Großunternehmen, indem er seinen Betrieb mit der Gausenfelder Papierfabrik, einer Aktiengesellschaft, fusioniert. Um dieses Ziel zu erreichen, geht er rücksichtlos gegen Konkurrenten, seine Netziger Mitbürger und enge Familienmitglieder vor.

Im Werk werden gleichzeitig die Proteste der Arbeitslosen in Berlin am 26. Februar 1892 aufgegriffen. Während die Arbeitslosen nach „Brot! Arbeit“ (S.44) verlangen, ist für Diederich nur eines wichtig: Im Tumult der Unruhen begegnet Diederich zum ersten Mal dem Kaiser (vgl. ab S. 43).

Die gewaltvolle Macht, mit der gegen die protestierende Bevölkerung vorgegangen wird, zeigt sich auch in der Romanhandlung. In Netzig wird ein Arbeiter aus Diederichs Papierfabrik von ei...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen