Autobiografische Züge im Roman

Kindheit im Lübecker Bürgertum

”Der Untertan” ist kein autobiografischer Roman, doch selbstverständlich haben Elemente aus Heinrich Manns Lebensgeschichte Eingang in das Werk gefunden. Der Schriftsteller wurde am 27.03.1871 in Lübeck geboren, also nur wenige Monate nach der Gründung des Deutschen Reiches und der Ernennung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser. Als Sohn des Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann gehörte er zum wohlhabenden Bürgertum, doch fühlte er sich von Kindheit an zur Literatur und dem Theater hingezogen und verabscheute das bürgerliche Kaufmannsleben.

Zur Zeit seiner Geburt war Lübeck noch eine vorindustrielle Hafenstadt, doch ab 1879 nahm die Industrialisierung auch in Lübeck zu, eine Entwicklung, die der Vater sehr begrüßte. Senator Mann war zwar kein Industrieller, aber als einflussreicher und engagierter Bürger, der das öffentliche Wohl immer im Auge hatte, sah er die Notwendigkeit zur Modernisierung und setzte sich u. A. für den Ausbau der Hafenanlagen ein. Dabei war er ein kaisertreuer - wenn auch nicht unkritischer – Bürger, der die althergebrachten Hierarchien der ehemaligen Freien Reichsstadt hochhielt. Hier lernte Heinrich Mann die Stadtpolitik kennen und den Einfluss Berlins auf das wirtschaftliche Wohl einer Stadt.

Desinteresse am Kaufmännischen

Als der Vater erkannte, dass sein Erstgeborener sich nicht dazu eignete, das Familienunternehmen zu übernehmen, erträumte er sich für ihn zunächst eine Karriere als Jurist. Doch Heinrich brach die Schule vor dem Abitur ab. So fand der Vater für seinen literarisch geneigten Sohn eine Lehrstelle als Buchhändler in Dresden. Doch Heinrich zeigte als Buchhändlerlehring kein allzu großes Interesse und seine Chefs waren sehr unzufrieden, sodass er die Lehre vorzeitig abbrechen musste - zum großen Kummer seines Vaters, der gerade das 100-jährige Bestehen des Mannschen Import-Export-Unternehmens gefeiert hatte.

Da der zweite Sohn Thomas auch keine Neigung zum Kaufmannsdasein zeigte, liquidierte der Vater die Firma und erkrankte kurz darauf schwer. Zu dieser Zeit absolvierte Heinrich ein Volontariat im Verlag Samuel Fischer in Berlin. In Berlin stürzte er sich in das Großstadtleben, besuchte Universitätsvorlesungen und selbstverständlich das Theater.

In der Hauptstadt erreichte ihn im Oktober 1891 ein Brief der Mutter, der ihn an das Sterbebett des Vaters rief. Den Moment, in dem er daheim in Lübeck dem sterbenden Vater knieend die Hand küsste, hat er später in einer Zeichnung festgehalten. Auch Diederich Heßling wird in Berlin ein Brief seiner Mutter erreichen, der ihn in die Heimatstadt zurückruft. Diederich wird weinend am Bett des sterbenden Vaters knieen und ihm die Hand küssen.

Die Manns als „verrottete Familie“

In Lübeck gelten die Manns, die zu Lebzeiten des Vaters zu den vornehmsten Familien zählten, nun als eine „verrottete Familie“. Doch im Gegensatz zum Sohn der Bucks in „Der Untertan“, Wolfgang, wird H...

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