Zitatmontage

Kaiserzitate in eigenen Reden

Diederichs Geschichte ist nicht die Geschichte einer Individualisierung oder Entwicklung einer eigenen eigenständigen Persönlichkeit, sondern die Geschichte eines Menschen, der sich ein- und unterordnet. Dementsprechend zeichnet sich auch seine Sprache dadurch aus, dass er Formulierungen anderer übernimmt. So bewundert er in seiner Studentenzeit den Jurastudenten Wiebel, dem er als Leibfuchs dient, und macht sich dessen besondere Art zu eigen, ”F-Formen sind doch kein leerer Wahn” (S. 42) zu sagen.

Nach der Begegnung mit Wilhelm II. wird der Kaiser sein Idol, dem er sich unterwirft und dem er nacheifert – in Aussehen, Auftreten und Sprache. Sprachlich äußert sich das so, dass er regelmäßig und vor allem zu festlichen Gelegenheiten mit Zitaten aus Reden des Kaisers so um sich wirft, als wären sie seine eigenen Worte. Der Autor arbeitet dafür mit Zitatmontage und verwendet Passagen aus authentischen Kaiserreden. Diese Technik wirkt – vor allem anfangs - komisch, da die Diskrepanz zwischen den hohen Worten, die er sich anmaßt, und der tatsächlichen Situation, in der er sie benutzt, so groß ist.

Diederich kehrt zum Beispiel nach Beendigung seines Studiums mit nach Kaiserart frisiertem Schnurrbart in seine Heimatstadt zurück. Als er das väterliche Unternehmen übernimmt, verkündet er seinen Angestellten und Arbeitern in kaiserlicher Rhetorik:

„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich. [...] Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen. Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen Willen. [...] Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeu...

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