Theatermotiv

Die beiden Aufführungen

Das Theater spielt in Heinrich Manns Roman eine bedeutende Rolle. In Kapitel V sind sowohl eine Amateurtheatervorstellung als auch eine Opernaufführung in die Handlung eingeflochten.

Beide Stücke tragen ihren Teil zur Gesellschaftssatire bei, wobei bei der Darstellung der Oper „Lohengrin“ Diederichs deutsch-nationale Gesinnung zum Ausdruck kommt und in ”Die heimliche Gräfin” sowohl der adelige Dünkel des Regierungspräsidenten von Wulckow als auch die Geltungssucht der mitspielenden Netziger Bürger aufgezeigt werden.

Die heimliche Gräfin

Zu den Darstellern im Stück der Präsidentin gehören Diederichs Schwestern und Assessor Jadassohn. Während der Aufführung verfolgt Diederich derweil das Theatergeschehen mit der adeligen Autorin von der Tür aus und führt nebenher politische Gespräche mit dem Regierungspräsidenten und dem Bürgermeister. Zwei Handlungen laufen parallel zueinander.

Die Gesellschaftssatire wird beispielsweise in der Tatsache deutlich, dass sich die Präsidentin als Dichterin von ”Originalarbeiten” (S. 298) versteht, während die Handlung ihres Stücks unleugbar an Goethes ”Natürliche Tochter” (S. 297) erinnert, wie Professor Kühnchen feststellt. Als er das ”Ergebnis seiner vergleichenden Forschung” (S. 297) der Präsidentin mitteilt, spricht diese von ”böswilligen Gerüchten” (S. 298). Sie möchte in ihrem Stück das ”Gute, Wahre, Schöne” (S. 294) zum Ausdruck bringen, doch ihre Botschaft lautet, dass es ”höhere Mächte” (S. 296) gibt, nämlich Geld und Adelsstand, vor denen die Liebe weichen muss.

Obwohl ihr Drama nur einen zweifelhaften künstlerischen Wert hat, bildet dessen Aufführung einen gesellschaftlichen Höhepunkt in Netzig. Die Darsteller empfinden es als eine große Ehre, mitspielen zu dürfen, allein wegen des hohen gesellschaftlichen Rangs der Autorin. Diederich macht vor der Dichterin einen ”Kratzfuß” (S. 289) nach dem anderen, obwohl – oder gerade weil – sie die Fabrikantenfamilie in ihrem Stück als „Parvenüs” (S. 287) bezeichnet.

Die Liberalen um Heuteufel bezeichnen das Stück jedoch offen als einen ”Quatsch” (S. 297) und der Regierungspräsident selbst, der animalische Aristokrat ohne kulturelle Verfeinerung, als einen ”Klimbim“ (S. 286). Der Besuch des von Frau von Wulckow inszenierten Stückes ist für Diederich vor allem gesellschaftlich deshalb bedeutend, da der Regierungspräsident von Wulckow der einflussreichste Bürger in Netzig ist.

Lohengrin

Am Ende von Kapitel V besucht Diederich mit seiner Verlobten Guste die Oper Lohengrin und projiziert seine wilhelminische Gesinnung in den Text und die Handlung der romantischen Wagner-Oper von 1850 hinein. 

„Lohengrin“ ist das geniale Werk eines musikalischen und politischen Revolutionärs. Wagner konnte der Premiere seiner Oper im Jahr 1850 deshalb nicht beiwohnen, weil er sich im Exil befand. Er war bei der Dresdner Mairevolution 1849 aktiv dabei gewesen und geflohen, als der Aufstand niedergeschlagen worden war und er steckbrieflich gesucht wurde.

Diese Tatsache ist vierzig Jahre später vergessen und Diederich – als Repräsentant seiner Zeitgenossen – interpretiert Text und Handlung der Oper, die in Mystizismus und Deutschtum schwelgt, seiner wilhelminischen Gesinnung gemäß. Nun, da das Deutsche Reich nicht mehr nur der Traum von Umstürzlern ist, sondern eine politische Tatsache und europäische Macht, wird die Oper ein Propagandamittel für deutschen Chauvinismus: ”Tausend Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!” (S. 354), denkt Diederich und zitiert den Kaiser: ”Das Theater ist auch eine meiner Waffen” (S. 354).

Richard Wagners Oper 'Lohengrin' wird für die Nationalgesinnten als Kulturgut ihrer deutsch-nationalen Idee herangezogen. So sieht auch Diederich in diesem Stück alles vereint, was seine Gesinnung ausdrückt: „Schilde und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner und die deutsche Eiche; man hätte mitspielen mögen“ (S. 266).

Doch das eigentliche Theater findet in diesem Roman außerhalb des Bühnenlebens statt. Für den Kaiser ist die theatrale ’Waffe’ hier vor allem die Selbstinszenierung, daher bezeichnet Wolfgang Buck ihn als den ”repräsentativen Typus” (S. 206) seiner Zeit, den ”Schauspieler” (S. 206).

Der Kaiser als Vorbild

Im ersten Kapitel tritt der Kaiser Wilhelm II. persönlich auf, als arbeitslose Arbeiter in Berlin protestieren. Sein Ausritt unter die Bevölkerung wird wie eine gestellte Szene beschrieben: „Die Herren, die dem Kaiser folgten, blickten mit äußerster Entschlossenheit darein, ihr...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen