Rezension

Sind die inhaltlichen Einschränkungen des Romans akzeptabel, da das Buch als eine erste Begegnung mit der NS-Vergangenheit gedacht ist und deshalb formaler und inhaltlicher Grenzen bedarf, oder findet auch hier Verdrängung statt? In einem Beitrag für die Zeitschrift Praxis Deutsch[1] empfiehlt die Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal, Ulrike Schrader, sogar, das Buch nicht mehr im Deutschunterricht zu verwenden.

Sie wirft Hans Peter Richter vor, dass er seine Figuren so darstellt habe, als hätten sie unter den gegebenen Umständen keine andere Handlungsmöglichkeit gehabt, als eben nichts gegen die Diskriminierung der Juden oder die Naziherrschaft zu tun.  Die Alternative dazu, nämlich aktiv einzugreifen, erscheine in dem Roman unmöglich.  Auf diese Art würden die Personen von ihrer (Unterlassungs-) Schuld befreit, statt für ihre Handlungen zur Verantwortung gezogen zu werden.

Der Roman muss sich berechtigte Vorwürfe machen lassen. Die Darstellung der Nazimitbürger, die zwar brüllen, aber niemals Hand anlegen, der Juden, die stolz ihre Leiden ertragen, und der Zuschauer, denen wegen der eigenen Sicherheit keine andere Wahl bleibt, als nicht aufzufallen bzw. mitzumachen, ist problematisch: Die alltägliche Diskriminierung der Juden wird zwar gezeigt, aber nicht ihre Misshandlung durch „normale“ deutsche Bürger.

Die inhaltlichen Grenzen, die der Autor seinem Buch setzt, führen dazu, dass er die letzten Kriegsjahre und die Vernichtungslager ganz ausblendet.  Darüber hinaus zeigt Hans Peter Richter keine vorbildhaften Figuren (außer vielleicht Helga), die sich dem Naziregime und seiner menschenverachtenden Gesetzgebung aktiv widersetzten.  Sollte man das Buch daher nicht mehr als Schullektüre verwenden?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns erst noch ein paar andere Fragen stellen: Hat der Roman in den über fünfzig Jahren seiner Existenz Kindern und Jugendlichen Wissen über die NS-Zeit vermittelt? Hat er sie betrof...

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