Die Zuschauer

Schweigen und Hinnahme

Das Kapitel „Schulweg“ thematisiert den staatlich organisierten Boykott gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Der Erzähler und Friedrich kommen am Schreibwarenladen von Abraham Rosenthal vorbei, vor dessen Eingang ein NS-Mann mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Kauft nicht beim Juden“ (S.40) steht. Davor versammelt sich eine dichte Menschenmenge. Keiner der neugierigen Umstehenden kommentiert das Geschehen. Keiner beschimpft den jüdischen Besitzer und keiner verteidigt ihn.

Nur eine alte Frau trotzt dem Schildhalter, geht an ihm vorbei in den Laden und dankt dem Nazi höflich. Ihr Trotz bringt die Zuschauer zum Lachen. Das verdeutlicht, auf welcher Seite die Umstehenden im Grunde stehen. Als der achtjährige Friedrich dem Schildhalter Widerworte gibt, wird er von ihm angeschnauzt. Da ist es bei den Zuschauern mit dem Lachen vorbei, es herrscht betretenes Schweigen, manche gehen weiter.

Die schweigende Menge freut sich im Inneren vielleicht darüber, dass der Schildhalter von einer alten Frau lächerlich gemacht wird, würde sich aber selbst nicht trauen, einem Vertreter der NSDAP negativ aufzufallen. Die drohenden Worte an das Kind reichen aus, um alle in Angst und Schrecken zu versetzen. Die fehlende Reaktion der Zuschauer in dieser Situation ist eine Form von fehlender Zivilcourage und von Akzeptanz der Ungerechtigkeit und der Diskriminierung.

In dem gesamten Roman gibt es sonst so gut wie keine Charaktere, die einen Nazi herausfordern würden. Der Richter (Kapitel „Die Verhandlung) weist Herrn Resch und seinen Anwalt zwar noch im Jahr der Machtergreifung 1933 zurecht, doch tut er das aus einer machtvollen Position heraus. Wie lange er diese Position mit seiner antinazistischen Einstellung noch halten kann, erfahren wir nicht. Nur noch eine weitere Figur versucht, einem Juden öffentlich zu helfen. Es ist der Feldwebel im Luftschutzkeller, der Herrn Resch dazu zu überreden will, Friedrich hineinzulassen. Mit dem Hinweis auf seine Autorität und mit der Drohung „Sonst zeige ich Sie an“ (S.156) bringt Resch den Feldwebel bald auch zum Schweigen.      

Das verborgene und das öffentliche Handeln

Alle anderen Figuren, die den jüdischen Menschen im Grunde Gutes wollen, versu...

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