Tulla

Traumatisierung und Anpassung

Ursula Pokriefke, die von allen Tulla genannt wird, ist eine der Hauptfiguren der Novelle „Im Krebsgang“. Sie ist die Mutter des Erzählers Paul und die Großmutter von Konny Pokriefke. Tulla stammt aus Langfuhr, einem Vorort von Danzig. Sie ist siebzig Jahre alt (S. 191).

Im Januar 1945, als sie siebzehn ist, flieht sie aus Danzig vor der Roten Armee mithilfe des ehemaligen „Kraft durch Freude“-Kreuzfahrtschiffes „Wilhelm Gustloff“. Das Schiff wird von einem sowjetischen U-Boot torpediert und geht unter. Tulla, die hochschwanger ist, gebiert ihren Sohn auf einem Rettungsboot. Sie ist Zeugin der Schiffskatastrophe und sieht dabei zu, wie Tausende Menschen in der Ostsee ertrinken und erfrieren, darunter viele Kinder. Ihre Eltern kommen bei der Versenkung ebenfalls ums Leben. Damals habe sich ihr Haar durch das Trauma auf einen Schlag weiß gefärbt (S. 55), erzählt sie. So hat sie es fortan getragen. Sie kann niemals die Schreie der sterbenden Menschen vergessen (S. 146) und betritt nie wieder ein Schiff (S. 155).

Über Tullas Aussehen erfahren wir noch, dass sie hellgraue Augen hat und sehr dünn ist (S. 179). Oft trägt sie einen Fuchspelz, den sie schon als junges Mädchen hatte (S. 178). Tulla spricht meistens, formelle Anlässe ausgenommen (S. 181), mit stark ostniederdeutschem Dialekt. Sie hat ihr Leben lang eine besondere Anziehungskraft auf Männer ausgeübt (S. 114) und viele Affären (S. 56) gehabt, ohne aber jemals heiraten zu wollen (S. 57). Paul erfährt nie, wer sein Vater ist, und Tulla weiß es wahrscheinlich selbst nicht (S. 151).

Tullas Flucht vor der Roten Armee führt sie nach Schwerin (S. 12), wo sie von nun an lebt. Im letzten Kriegsjahr in Danzig arbeitet sie noch als Straßenbahnchauffeurin (S. 44). Sie treibt ein Kind ab, indem sie von einer Straßenbahn springt, weil sie kriegsdienstverpflichtet wurde (S. 86 f.). Doch in der DDR lässt sie sich zur Tischlerin umschulen (S. 12). Sie wird Leiterin einer Tischlereinheit in einem volkseigenen Großbetrieb (S. 21). Als Honecker 1971 Generalsekretär der SED wird, bezeichnet sie ihn als einen „mickrigen Dachdecker“ (S. 89) und wird deshalb vor das Parteikollektiv gerufen. Dort leistet sie sich einen weiteren Fauxpas. Sie spricht über den Nationalsozialisten Wilhelm Gustloff folgendermaßen: „… der so tragisch hinjemordete Sohn von onsere scheene Stadt Schwerin“ (ebd.). Trotzdem bekommt sie keine weiteren Probleme in der DDR und lebt relativ angepasst.

Lautstarke Ahnungslosigkeit

Tulla setzt oft ihren Willen durch und ist sehr ...

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