Rezension

Als Reaktion auf die zeitgenössische Intoleranz und religiöse Orthodoxie bringt Gotthold Ephraim Lessing 1779 sein Ideendrama „Nathan der Weise“ heraus, das 1783 uraufgeführt wird. Der Ort der Handlung, Jerusalem anno 1192 zur Zeit eines Waffenstillstandes während des dritten Kreuzzuges, stellt die perfekte Bühne für das zentrale Thema des Stückes, die Religionsfreiheit, dar. Christentum, Islam und Judentum bekämpfen einander, um die Herrschaft über die Heilige Stadt zu gewinnen.

Das Gedicht ist wie ein klassisches Drama mit fünf Akten aufgebaut. Der Höhepunkt des Stücks, die berühmte Ringparabel, liegt in der Mitte des Buches. Zwar ist das Gedicht in Blankversen verfasst und die altmodische Schreibweise ist manchmal schwierig zu lesen, aber die Anstrengungen des Lesers werden belohnt. Die Vermischung von Tragödie, Komödie und märchenhaften Zügen schafft eine spannende Lektüre. Das Ideendrama endet glücklich, da das Gute schließlich triumphiert ...

Lessing lässt viele Figuren mit verschiedenen Meinungen und Glauben auftreten: der fanatische christliche Patriarch, der gutmütige Moslem Derwisch Al-Hafi, der lernfähige Tempelherr, der gemütliche Klosterbruder, die engstirnige Daja, der einsichtige Sultan, die liebe Recha und der weise Jude Nathan. Nathan, ein reicher Jude aus Jerusalem, kehrt nach langer Geschäftsreise nach Hause zurück. Ein vom Sultan begnadigter junger Tempelherr hat seine Ziehtochter aus seinem brennenden Haus gerettet. Beim nachfolgenden Treffen schließen der Jude Nathan und der christliche Tempelherr Freundschaft. Der Tempelherr verliebt sich in Recha. Der Sultan ist in Geldnot geraten und möchte von Nathan Geld leihen. Er lässt ihn kommen und fragt ihn, welche Religion die wahre sei. Der weise Nathan antwortet mit der Parabel.

Der Leser soll das Gleichnis deuten. Die positive Botschaft ist halb versteckt. Es geht um Toleranz und Humanität, um aktives persönliches Engagement, um Verwandtschaftsverhältnisse. Nathan ist auch einem Geheimnis auf die Spur gekommen, das alles ändert und in der letzten Szene enthüllt wird.

„Nathan der Weise“ ist ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur und ein Meisterwerk der deutschen Aufklärung. Eine tolle Geschichte mit einer topaktuellen Botschaft – ein Plädoyer für die Toleranz und für die Nächstenliebe. Ich empfehle es weiter, und wer es schon gelesen hat, der wird verstehen, warum ich von dieser schönen Geschichte begeistert bin.