Sprache

Der Blankvers

Das dramaturgische Gedicht „Nathan der Weise“ ist in Blankversen verfasst. Der Blankvers ist ein ungereimter, fünfhebiger Jambus. Der Jambus (- +) ist ein Versfuß, der aus einer Senkung, einer unbetonten Silbe (-), und einer Hebung, einer betonten Silbe (+), besteht, wie beispielsweise das Wort Vernunft: Die erste Silbe ist unbetont, die zweite hingegen betont. Der Blankvers besteht aus zehn oder elf Silben, je nachdem, ob er betont (männlich) oder unbetont (weiblich) endet.

Der Blankvers ist in England entstanden. Shakespeare schrieb seine Dramen meistens in Blankversen, beispielsweise Hamlet (1603): „To be/or not/to be/that is/the question.“ In Deutschland ist der Blankvers vor der Mitte des 18. Jahrhunderts unbekannt. Vor Lessing hat Martin Wieland ihn in seinem Drama „Lady Johanna Gray“ (1758) benutzt. Lessing verwendet ihn erstmals in seinem Gedicht „Nathan der Weise“. Der Blankvers wird danach zu einem großen Erfolg in der Literatur. Er setzt sich als Regelvers für das klassische Drama durch und wird beispielsweise von Goethe und Schiller fleißig verwendet.

Lessing wählt Verse statt Prosa aus mehreren Gründen. Er hofft, dass der verfremdende Blankvers orientalisch in den Ohren des Publikums klingen wird. Der Blankvers wird schon von Shakespeare ziemlich frei benutzt und erweist sich aufgrund seiner Flexibilität für die dramatische Dynamik als sehr geeignet. Der Blankvers ist durch seine rhythmische Strukturierung und aufgrund seiner Annährung an erzählerische Prosa und an natürliche Sprache sehr gut für Rezitation geeignet.

Lessing benutzt zahlreiche Variationen, beispielsweise Einschübe, Unterbrechung des Verses durch Auftritte oder Pausen, um die Dialoge temporeich und lebendig zu machen. Die Blankverse sind nicht durchgehend gleichartig aufgebaut. Die Satzenden fallen nicht mit dem Zeilenende zusammen, und die Sätze gehen manchmal über mehrere Zeilen hinaus. Die häufigen Enjambements erstellen einen abwechselnden und schwungvollen Rhythmus:

„Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:                       2030

Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. - Möglich; dass der Vater nun

Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiss;

Dass er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. - Wohlan!                                         2040

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!“

Die Sprachkompetenz

Alle Figuren in Lessings Ideendrama besitzen die Fähigkeit, sich überzeugend verständlich zu machen. Sowohl der Derwisch, der Klosterbruder, der Tempelherr als auch der Sultan formulieren präzise und nuanciert. Herkunft und Status haben in dem Stück keine große Bedeutung für Sprachkompetenz. Die Suche nach der guten Argumentation dominiert die sprachlichen Auseinandersetzungen. Im Sinne der Aufklärung besitzt die Sprache die Macht, zu erziehen und zu überzeugen. Nathan ist ein gutes Beispiel dafür. Die Weisheit Nathans, die andere zur Einsicht bringt, ist nicht eine, die Nathan seinem Gegenüber aufdrängt. Nathan geht stets auf die Positionen seiner Gesprächspartner ein und leitet sie durch seine logischen Argumente zur Selbsterkenntnis. Die Ringparabel, die er benutzt, als Saladin ihn fragt, welche der drei Weltreligionen, Christentum, Judentum und Islam, die wahre sei, ist ein gelungenes sprachliches Mittel, um den Sultan zu üb...

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