Ringparabel

Entstehungsgeschichte

Nährboden für das Ideendrama „Nathan der Weise“ gab der Fragmentenstreit, der in den Jahren 1777-1778 zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze ausgefochten wurde. Der öffentliche Konflikt zwischen Goeze und Lessing geht so weit, dass es Lessing am 13.07.1778 per Zensurerlass verboten wird, sich zu diesem Thema zu äußern.

Lessing wird nun klar, dass er den Schauplatz ändern muss. Er schreibt nach diesem Verbot einer Freundin: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen.“ 1779 verwendet er die Bühne als neues Publikationsmittel. Nachdem ihm verboten wurde, in seinen Werken religiöse Inhalte aufzugreifen, nutzt Lessing für sein Theaterstück „Nathan der Weise“ eine Parabel, um seine tolerante religiöse Botschaft metaphorisch zu gestalten. Die Hauptperson Nathan erzählt diese Parabel auf eine Frage des Sultans hin. Sie heißt Ringparabel, weil es in ihr um drei Ringe geht.

Definition

Eine Parabel ist eine lehrhafte, moralische und kurze Erzählung. Das Geschehen (Bildebene) hat eine symbolische Bedeutung für den Leser (Sachebene). Die Parabel soll den Leser zum Nachdenken und zu einer Erkenntnis bringen. Wie jede Parabel lässt sich auch „Nathan der Weise“ an einer geometrischen Parabel verdeutlichen, ein Ast steht für die Bildebene und der andere für die Sachebene:

 

 

Die Geschichte

In der Geschichte besitzt ein Mann einen Ring, der seinen Träger vor Gott und Menschen angenehm machen soll. Der Vater gibt den Ring an den Sohn weiter, den er am meisten liebt; eine Tradition, die über viele Generationen hinweg beibehalten wird.

Doch ein Nachfahre hat drei Söhne, die er gleich viel liebt. Der Vater kann sich nicht entscheiden, wem er den Ring, der die Wunderkraft haben soll, den Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, hinterlassen will. Er lässt zwei hochwertige Kopien des Ringes anfertigen, sodass der Unterschied nicht sichtbar ist. Jedem Sohn vererbt er einen Ring. Als nun der Vater stirbt, beginnt ein Streit zwischen den Söhnen: Jeder meint, den echten Ring zu besitzen. Die Söhne können sich nicht einigen und treten vor einen Richter, dass ihnen dieser helfe.

Dem Richter zufolge könnte der richtige Ring auch verloren gegangen sein. Gäbe es den echten Ring noch, hätte dessen innewohnende Kraft den Streit der Brüder verhindert. Der Richter rät den Söhnen, dass ein jeder an die Echtheit des eigenen Ringes glauben solle. Des Weiteren sollen die Söhne danach eifern, Gutes zu tun und sich so beweisen. Nach eintausend Jahren werde ein weiser Richter das Urteil sprechen.

Boccaccio Vergleich

Die Parabel von den drei Ringen ist eigentlich eine alte Geschichte. Sie ist schon im Decamerone von Giovanni Boccaccio (13. Jahrhundert) zu finden, aber auch Boccaccio hat diese Erzählung nicht selbst erfunden. Über die Quellen der Parabel berichtet Lessing ganz offen, als er 1778 an seinen Bruder schreibt: „Ich möchte ...

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