Bürgerliche Moral und Schuldfrage

Nach Lessings Dramentheorie soll der Zuschauer zum Empfinden von Mitleid angeregt werden. Das hat Lessing in seinem bürgerliche Trauerspiel „Emilia Galotti“ aus dem Jahr 1772 dadurch erreicht, dass er die bürgerlichen Figuren, vor allem die Familie Galotti, als bemitleidenswert dargestellt hat. Es sind dann letztendlich auch die mitleidigen Gefühle der Figuren, die den Ausgang des Geschehens bestimmen. Deutlich wird dies vor allem in der Vater-Tochter-Beziehung zwischen Emilia und Odoardo Galotti.

Die Gefühle, die Odoardo einerseits für seine Tochter und deren Ansichten und andererseits für sich selbst in seinen Rollen als Vater, Mann, Beschützer und/oder Retter empfindet, bestimmen den Geschehensausgang. Er bedauert seine eigene Situation, in welcher er sich für eine der vielen Rollen entscheiden muss, um seine Pflichten als Mann zu erfüllen. Das Mitleid ist so die eigentliche Waffe, die mitkausale Ursache für den Tod der Emilia Galotti, der vom Vater verwendete Dolch somit nur ein Mittel zum Zweck.

Lessing stellt die bürgerliche Familie und damit auch die damaligen bürgerlichen Moralvorstellungen in den Fokus des Geschehens und zeigt diese nicht völlig ohne implizierte Kritik auf. Der bürgerliche, seine Tochter tötende Vater, welcher gleichzeitig auch der zärtliche Retter ist, findet sich in einem Zwiespalt gefangen. Die Frage nach seiner Schuld, da er de facto seine Tochter mit einem Dolch getötet hat, kann nur schwer geklärt werden. Auch deshalb nicht, da Lessing, seiner Forderung nach gemischten Charakteren folgend, keine Figuren zeichnet, die ausschließlich gut oder böse sind. Odoardo Galotti erscheint nicht als skrupelloser Mörder, sondern wirkt vielmehr emotional abhängig von seiner Tochter und hat zu dieser folglich eine starke Bindung. Diese Bindung triumphiert dann auch über die hohe Macht des Prinzen. Eine ähnliche Beziehungskonstellation findet sich auch in Lessings erstem bürgerlichem Trauerspiel „Miss Sara Sampson“ aus dem Jahr 1755.

Betrachtet man Emilia Galotti, erkennt man bei ihr als Rechtfertigung für das Einfordern des eigenen Todes, den festen Wunsch zu sterben. Es findet sich zwar eine vermeintliche innere Begründung für ihr Verlangen gegenüber dem Vater, es bleib...

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