Menschenbild

Feuerbach und Marx

Gottfried Kellers Menschenbild wurde entscheidend durch sein Studium bei dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804–1872) geprägt. In Feuerbachs Philosophie steht eindeutig der Mensch im Zentrum der Betrachtung. Demgegenüber verkörpert für ihn Gott eine bloße Vorstellung des Menschen, in den dieser all seine Wünsche und Sehnsüchte, die auf der Erde nicht realisierbar erscheinen, hineinprojiziert.

Gott wird damit quasi zu einem überhöhten Menschen, der all jene Eigenschaften in sich vereinigt, die als erstrebenswert angesehen werden und dem Wunsch nach Perfektion entsprechen (z. B. Unsterblichkeit, Vollkommenheit, Ewigkeit, Allwissenheit). Auf diese Weise verlagert der Mensch seine Wünsche nach dem vollkommenen Dasein jedoch in eine jenseitige Welt, statt die Verwirklichung im Diesseits anzustreben.

Karl Marx, der ebenfalls stark von Feuerbach beeinflusst und geprägt wurde, deklariert in diesem Zuge die Religion als „Opium fürs Volk“. Um den Menschen zu befreien und ihn daran zu hindern, dass er seine Kräfte in der Anbetung eines nicht existierenden Gottes vergeudet, bedarf es für Feuerbach und Marx der Kritik und letztlich der Aufhebung von Religion.

Nach Feuerbachs Ansicht muss die fatale Hoffnung auf ein Gerechtigkeit stiftendes jenseitiges Leben aufgegeben werden, um sich stattdessen einer vollumfänglichen Bejahung des Diesseits zuwenden zu können. Diese Lebensbejahung impliziert für Feuerbach nicht nur die Wertschätzung der Erde und ihrer Naturschönheit, sondern auch die anerkennende Haltung der eigenen Natur und Sinnlichkeit gegenüber.

Insbesondere diese uneingeschränkte Bejahung des diesseitigen Lebens mit all seinen Facetten hat auf Gottfried Keller einen starken Eindruck ausgeübt. Vor allem sein Menschenbild wurde durch den Einfluss Feuerbachs dahin gehend geprägt. Gottfried Keller erachtet somit den Menschen als ein Wesen, das sowohl geistige als auch sinnliche Anteile in sich vereinigt. Ganz im Sinne Feuerbachs plädiert Keller denn auch dafür, dass der Mensch jene sinnlichen Anteile nicht etwa unterdrücken, sondern auf natürliche und ungekünstelte Weise ausleben sollte.

Religion und Moral

Immer wieder wird in Kellers Novelle – ganz im Sinne Feuerbachs – Kritik an den christlich geprägten Tugendvorstellungen der Gesellschaft geübt. Während demna...

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