Motive und Symbole

Puppe

Verfall und Zerstörung

Ein Beispiel für ein Dingsymbol verkörpert die Puppe, mit der Vreni und Sali zu Beginn der Novelle spielen. An der Puppe fällt auf, dass sie von Anfang an nicht mehr intakt ist und somit schon auf den bevorstehenden Verfall hindeutet: Die Puppe ist „völlig nackt“, besitzt nur noch „ein[…] Bein“ und ein „verschmierte[s] Gesicht“ (S. 5). Zunächst kann dieser elende Zustand jedoch noch überdeckt werden, indem die Kinder sie im gemeinsamen Spiel mit „den langen Bändern des Wegekrautes“ bekleiden; außerdem erhält sie eine „einsame rote Mohnblume“, die ihr als Haube über den Kopf gezogen wird, sowie als Schmuck „ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchen“ (S. 7). Damit gleicht die Puppe nunmehr einer „Zauberfrau“ (S. 7), womit sie in den Bereich des Märchenhaft-Irrealen erhoben wird.

Die Schönheit und Ordnung der zurechtgemachten Puppe werden dann jedoch zerstört, als Sali damit beginnt, mit Steinen nach ihr zu werfen: „Dadurch geriet aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie schleunigst, um sie aufs Neue zu schmücken“ (S. 7f.). Dies kann als Vorausdeutung dafür verstanden werden, dass mit der Liebe zu Sali Vrenis zumindest nach außen hin geregeltes Leben aus den Fugen gerät und sich ihre große Sehnsucht nach einem geordneten, rechten Leben nicht erfüllen wird: Vreni sagt zu Sali, nachdem Sali sie aus ihren schönen Hochzeitsträumen gerissen hat: „Da wollten wir uns endlich küssen und dürsteten darnach, aber immer zog uns etwas auseinander, und nun bist du es selbst gewesen, der uns gestört und gehindert hat“ (S. 48).

Misshandlung und Begräbnis

Doch ist es nicht allein Sali, der die sorgsame Aufmachung der Puppe zunichtemacht: Zwar weint Vreni zunächst bitterlich angesichts der Misshandlung ihrer Puppe und des immer größer werdenden Schadens: „Unter seinen Händen aber nahm die fliegende Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu vergrößern“ (S. 8), allerdings dauert es nicht lange, bis sie sich schließlich selbst an dem Zerstörungswerk beteiligt: Gemeinsam „bohrten sie Loch auf Loch in den Marterleib und ließen die Kleie entströmen“ (S. 8f.), bis schließlich als einzig fester Bestandteil nur noch der Kopf übrigbleibt. Die Puppe verkommt in diesem Zuge zu einem „ausgequetschten Leichnam“ (S. 9) und nimmt somit das Schicksal der beiden Liebenden, die am Ende ebenfalls als „Leichen“ (S. 79) im Fluss treiben, vorweg.

Die in den Kindern geweckte „menschliche Grausamkeit“ (S. 9) geht jedoch noch weiter: Sie fangen eine Fliege und sperren sie in den Puppenkopf ein, sodass der „Tönende jetzt einem weissagenden Haupte“ gleicht, den die Kinder zunächst andächtig bestaunen, um ihn dann lebendig zu „begraben“ (S. 9): „So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen“ (S. 9). Daraufhin jedoch überfällt sie „einiges Grauen“ angesichts der Tatsache, dass sie „etwas Geformtes und Belebtes begraben hatten“ (S. 9).

Die Kinder, die hier zunächst wie ihre Väter handeln, indem sie Geformtes und Lebendiges vergraben, werden im Laufe der Novelle selbst zu Opfern „menschliche[r] Grausamkeit“ (S. 9). Damit nimmt die Puppe das Schicksal der beiden Liebenden vorweg, deren Bemühen um Ordnung zerstört und schließlich durch die engstirnigen Moralvorstellungen ihrer Zeit gleichsam lebendig begraben und dadurch vernichtet wird.

Stein

Der Stein erhält in Kellers Novelle eine symbolische Bedeutu...

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