Analyse: „Die Brückenszene“

Dreigliedriger Aufbau

Die Brückenszene bildet den Höhe- und Wendepunkt der Novellenhandlung (siehe Kapitel „Aufbau“). Diese Szene unterteilt die Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe inhaltlich in zwei Teile: die Streithandlung der Väter im ersten und die Liebeshandlung ihrer Kinder im zweiten Teil. Die Bedeutung jener Szene lässt sich auch daran erkennen, dass sie ihrem Aufbau nach dem dreigliedrigen Schema eines klassischen Dramas nachempfunden ist und somit gleichsam eine Tragödie in Kurzform verkörpert.

Die Tragödienform dieser Szene lässt sich sowohl in Bezug auf die Streithandlung als auch hinsichtlich der hier einsetzenden Liebeshandlung ausmachen: Zum einen steigt mit der Begegnung der Bauern am Fluss die Handlung bis zu ihrem Höhe- und Wendepunkt – dem Kampf auf der Brücke – an, um dann mit dem Auseinandergehen der Männer wieder abzufallen. Zum anderen folgt auch die Liebeshandlung der Tragödienstruktur von steigender Handlung (erstes Wiedersehen zwischen Vreni und Sali, Bemühen um Deeskalation des Streits), Höhe- und Wendepunkt (Annäherung und erster Blickkontakt) und fallender Handlung (erste Berührung und Auseinandergehen). Zwar endet die Szene nicht wie die klassische Tragödie in einer Katastrophe, allerdings kündigt sich das traurige Ende bereits in düsteren Vorausdeutungen an.

Verfall, Fischerei und Hass

Der finanzielle Niedergang der beiden Kontrahenten Manz und Marti ist an einem Tiefpunkt angelangt. Sie sind nicht mehr länger dazu imstande, sich ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft bzw. dem Betrieb des Gasthofs zu sichern, sondern müssen sich der Fischerei zuwenden, um auf diese Weise „wenigstens etwas Beißbares zu erwerben“ (S. 25). Das Fischen ist eine „Hauptbeschäftigung der Seldwyler, nachdem sie falliert hatten“ (S. 25) und repräsentiert folglich eine wenig angesehene Tätigkeit.

Manz und Marti gehören nun der Reihe jener wunderlichen Gestalten ein, die am unteren Rand der Gesellschaft angekommen sind (S. 26). Entsprechend dieses gesellschaftlichen Abstiegs wird der nach einem geeigneten Angelpatz suchende Manz nun auch mit einem „eigensinnigen Schatten der Unterwelt“ verglichen, der sich „zu seiner Verdammnis ein bequemes einsames Plätzchen sucht an den dunklen Wässern“ (S. 26). Dem „auf dem Land zurückgebliebenen Marti“ ist es inzwischen auch „immer schlimmer“ ergangen: Die wenigen Äcker, die er noch besitzt, bebaut er „liederlich“ oder gar nicht“ (S. 27) mehr.

Die beiden Bauer befinden sich somit in einer vergleichbar desolaten Situation. Auch ihre Kinder, die ihre Väter zum Angeln begleiten müssen, sind damit ihrer sozialen Stellung nach zu Außenseitern der Gesellschaft geworden. Die beiden Bauern sehen die Schuld an diesem Verfall einzig bei dem jeweiligen Kontrahenten verortet und empfinden deshalb gegenseitige Hassgefühle für den vermeintlichen Verursacher ihres Elends und ihres sozialen Abstiegs.

Diese angestaute Wut der beiden Kontrahenten wird in der Brückenszene symbolisch durch das Unwetter veranschaulicht, das sich schon vor dem tatsächlichen Aufeinandertreffen der verfeindeten Parteien ankündigt: Der ehemals friedliche Fluss ist zu einem „tiefen und reißenden Bach“ geworden, während sich am Himmel düstere „Gewitterwolken“ (S. 27) auftürmen.

Das Ende des ersten Teils der Handlung

Aufeinandertreffen an entgegengesetzten Uferseiten

Die eigentliche „unverhofft[e]“ (S. 27) Begegnung nach vielen Jahren der Trennung findet dann an besagtem Fluss statt, wobei sich Manz und Marti bezeichnenderweise zunächst an den entgegengesetzten Uferseiten gegenüberstehen. Damit symbolisiert der aufgewühlte Fluss die unüberwindlich scheinende zwischenmenschliche Barriere, welche die ehemaligen Nachbarn zwischen sich aufgebaut haben.

Während Manz beim Anblick seines verhassten Feindes sofort „Groll und Hohn“ in sich aufsteigen spürt, beginnt Marti augenblicklich, seinen Kontrahenten „voll Grimm“ (S. 27) zu beleidigen: „Was tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem Lotternest bleiben, du Seldwyler Lumpenhund?“ (S. 27). Nach den wechselseitigen wüsten Beschimpfungen: „Schelm“, „Lumpenhund“, „elender Tropf“ (S. 27)) und Schuldzuweisungen: „du hast mich ins Unglück gebracht“ (S. 27)) geht Marti schließlich zum körperlichen Angriff über. Der Erzähler begründet Martis Attacke damit, dass Marti der „Wütendere“ von beiden war.

Diese ...

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