Rezension

Die Novelle „Kleider machen Leute“ handelt vom Schneiderlehrling Wenzel Strapinski, der seine Anstellung sowie seinen Lohn aufgrund eines Bankrotts seines Meisters verliert. Auf der Suche nach einer neuen Stelle sowie etwas Essbarem begibt er sich auf die Straße nach Goldach. Wenzel ist extravagant und edel gekleidet, was ihm – gepaart mit seinem gepflegten Haar und Schnurrbart – zu einem adlig anmutenden Aussehen verhilft.

Er trifft auf einen Kutscher, der ihn mit nach Goldach nimmt und vor einem Gasthaus absetzt. Wegen seines äußeren Erscheinungsbildes geht der Wirt sofort von einem Mann von Adel aus und beauftragt sein Personal, ihn entsprechend zu behandeln. Wenzel ist zu perplex, um das Missverständnis aufzuklären, und im Folgenden werden alle seine Verhaltensweisen fehlinterpretiert und als die eines Edelmannes ausgelegt.

Der Schneider steigt als vermeintlicher Graf in der Goldacher Gesellschaft auf und macht die Bekanntschaft der Amtsratstochter Nettchen, an die er sein Herz verliert. Auch sie findet Gefallen an ihm und zeigt sich beeindruckt von seinen Manieren. Schon bald wird die Verlobung der beiden bekannt geben, die Festivitäten gipfeln in einem pompösen Ball, an dem auch die Bewohner des Nachbarortes Seldwyla teilnehmen.

Diese entlarven Wenzel im Rahmen eines Maskentanzes als Lügner und enthüllen seine wahre Identität. Der beschämte Schneider flieht, seine Verlobte folgt ihm. Es kommt zu einer Aussprache des Paares. Nettchen schmiedet einen Plan: Die beiden wollen nach Seldwyla ziehen, heiraten und ihr mütterliches Erbe nutzen, um Wenzel ein Schneidergeschäft aufzubauen. Gesagt, getan: Strapinski entwickelt sich zu einem erfolgreichen Geschäftsmann, die beiden leben in glücklicher Ehe und haben eine große Kinderschar.

Mit seiner Novelle zeigt Keller eindrücklich, wie viel Bedeutung der Kleidung eines Menschen beigemessen wird. Sie ist der Hauptbestandteil des ersten Eindrucks, anhand der Kleidung bilden sich die meisten Personen unterbewusst eine Meinung über ihre Mitmenschen. Zugleich nimmt er jedoch nicht nur die Rolle eines Beobachters, sondern auch die eines Pädagogen ein.

Mit dem Ende der Geschichte sind durchaus didaktische Ziele verbunden. Die Tatsache, dass sich Nettchen trotz der zerbröckelten Grafenfassade für Wenzel entscheidet, spricht erzieherisch dafür, dass es sich durchaus lohnen kann, in das Innere seiner Mitmenschen zu schauen und sich nicht bloß auf das Äußere zu konzentrieren und sich von Vorurteilen leiten zu lassen.

Keller zeigt eindrucksvoll, dass die Persönlichkeit nicht immer hält, was die Optik verspricht und umgekehrt. Aus diesem Grund gehört die Novelle seit dem 19. Jahrhundert in den Kanon der Schulliteratur und hat ihren festen Platz dort völlig zu recht.