Schein und Sein

Innerhalb der Novelle „Kleider machen Leute“ sind fast alle Vorgänge durch eine doppelte Lesbarkeit gekennzeichnet. Die täuschende Zeichenhaftigkeit der Dinge ist folglich ein weiterer Interpretationsansatz. Gleich zu Beginn des Werkes wird Wenzel vom Wirt in Goldach in das Gasthaus „Zur Waage“ gebeten. Sogleich tischt das Personal, das Wenzel aufgrund seiner edlen und extravaganten Kleidung für einen wohlhabenden Edelmann hält (S. 3), die teuersten Speisen und Getränke auf. Die Art und Weise, wie Wenzel isst und trinkst, stellt sich aus der Leserperspektive und aus den Augen der Erzählinstanz so dar, als handle es sich um einen armen, hungrigen Schneider. Für die Köchin und den Wirt sind seine Verhaltensweisen hingegen Ausdruck des Reichtums eines Grafen (S. 9ff.).

Ebenso verhält es sich mit Wenzels Unbeholfenheit Nettchen gegenüber. Tatsächlich ist er sehr schüchtern und weiß nicht recht, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Sie hingegen deutet sein Verhalten als höfische Ehrerbietung: „Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße Ehrerbietung nichts bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten Edelmannes erschien[en] ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend“ (S. 19). Das vorgetragene polnische Lied wird von der Gesellschaft als Zeichen erhabenen Nationalstolzes verstanden (S. 21).

Auch seine Korrespondenz um das Lotteriespiel und dergleichen, das er lediglich betreibt, um zu etwas Geld zu kommen und seine Schulden wettmachen zu können, betrachten die G...

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