D–Zug Interpretation

Der Titel: neue Technik

Das Gedicht „D–Zug“ gehört zu der frühen Lyrik Gottfried Benns. Es erscheint erstmals 1912 in der Zeitschrift „Pan“.  Zuvor hat Benn bereits seinen legendären Gedichtband „Morgue  und andere Gedichte“ veröffentlicht, der großes Aufsehen erregte und den Lyriker plötzlich bekannt werden ließ.

Der Titel weist auf ein vielfach aufgenommenes Motiv der expressionistischen Lyrik hin, das auch von anderen bekannten Lyrikern, wie beispielsweise Georg Heym oder Ernst Stadler, aufgenommen wird: Die Technisierung und die neuen technischen Errungenschaften, wie der D–Zug.

Der D–Zug ist ein sehr schneller Zug. Mit dem Titel wird demnach auch das Thema der Geschwindigkeit vermittelt. Bereits hier sind weitere Assoziationsmöglichkeiten gegeben, denn Geschwindigkeit bedeutet auch Eile und Hast.

Form und Metrik

Der formale Aufbau des Gedichts erweist sich bereits auf den ersten Blick als sehr eigenwillig.  Es besteht aus  vierundzwanzig, in ihrer Länge sehr unterschiedlichen Zeilen, die in acht Strophen unterteilt sind. Dabei besteht jede Strophe aus einer unterschiedlichen Anzahl an Zeilen: Die erste Strophe aus zwei Zeilen, die zweite aus fünf, die dritte aus drei, die Strophen vier und sieben aus nur einer Zeile, die Strophen fünf, sechs und acht aus vier Zeilen.

Das Gedicht ist reimlos und in keinem einheitlichen Metrum gehalten. Allein die Zeilen achtzehn und neunzehn weisen acht Jamben auf. Die übrigen Zeilen sind in ihrem Rhythmus unregelmäßig.

Auffallend sind die asyndetischen Reihungen – das Weglassen von verbindenden Konjunktionen. Hierdurch und auch durch die Unregelmäßigkeit im Rhythmus und in der unterschiedlichen Zeilengestaltung vermittelt das Gedicht im Lesefluss auch formal den Eindruck  von Geschwindigkeit. Die vielen Ausrufezeichen und Aufforderungen vermitteln verstärkend das Gefühl von Eile und Ungeduld.

Erste Strophe

Eröffnet wird das Gedicht mit einer Variation der Farbe Braun, die in verschiedenen Vergleichen detailliert spezifiziert wird. Die Assoziationen erfolgen fast stakkatoartig. Das erste „Braun“ scheint wie übereilt herausgesprochen. Für seine nähere Beschreibung wird das Getränk des Kognaks ebenso wie das Laub verwendet, das ergänzend noch genauer als „Rotbraun“ beschrieben wird.  Mit dem Laub ist die Jahreszeit des Herbstes angedeutet. Die Vergleiche erweitern die Vorstellung hin auf einen sinnlichen Bereich: Den Kognak kann man schmecken und das Laub kann man rascheln hören. Hinzu kommt der Gedanke eines Alkoholrausches in Bezug auf den Kognak.

Doch nicht nur das Braun, sondern auch eine besondere Form des Gelbes findet in der ersten Zeile Anklang, es ist das „Malaiengelb“, ein Neologismus[1], der auf die Fremde verweist, denn die Malaien sind eine ethnische Gruppe in Südostasien. Malai ist aber auch zugleich eine Zutat in der indischen Küche. Die Farbe wird in beiden Fällen mit dem Aspekt der Exotik der Ferne und des Reisens verknüpft.

Durch diese Vergleiche werden die Farben lebendig und treten dem Leser bildlich vor Augen. Sie werden in kurzen Sätzen wie plötzlich auftauchende prägnante Bilder aneinandergereiht, was ihre Präsenz verstärkt.  Noch weiß der Leser nicht, worauf sich die Farben beziehen. Doch der nächste Vers stellt eine mögliche Verbindung her.

Die letzte Zeile der ersten Strophe nimmt das Motiv des Zuges auf. In einem Atemzug wird dieser mit dem Ort „Berlin – Trelleborg sowie dem Beisatz „ und die Ostseebäder“ genannt. Dies klingt wie die typische Ansage eines wegfahrenden oder ankommenden Zuges in einer Bahnhofshalle oder in einem Zug selbst. Das Lyrische Ich könnte sich möglicherweise auf einer Reise in dem D–Zug  befinden und durch das Fenster die Herbstlandschaft mit ihren verschiedenen Farbtönen aufblitzen sehen. Das Gedicht liefert Impressionen, einzelne Bilder.

Anhand der Benennung  des schwedischen Städtchens Trelleborg und  der „Ostseebäder“  wird ein Zusammenhang mit dem Thema Urlaub hergestellt, denn die Ostsee ist ein beliebtes Urlaubsziel. So hat man mit der Farbe Braun auch die Fahrgäste vor Augen, die braungebrannt aus dem Urlaub zurückkommen.

Zweite Strophe

Die zweite Strophe knüpft an diesen Gedanken an. Hier ist in den ersten beiden Zeilen von einem Körper die Rede: von Fleisch, Nacktheit und einem Mund. Auch die Farbe Braun taucht in dem Adjektiv „gebräunt“ wieder auf.  Auffallend ist die Synekdoche[2]: „Fleisch, das nackt ging“.  Anstelle des nackten, gehenden Menschen wird das Fleisch (des Menschen) benannt.  Das Fleisch ist dabei personifiziert: Es „geht“ und ist „nackt“. Offensichtlich handelt es sich um einen Nudisten, der von einem Urlaub am Meer sehr braungebrannt ist, bis in den letzten Bereich des Körpers hinein, was durch die Wendung „bis in den Mund“ ausgedrückt wird. Auch die letzten beiden Zeilen der zweiten Strophe verstärken diesen Eindruck: Es ist vom „griechischem Glück“ die Rede, was auf einen Urlaub in Griechenland schließen lässt.

Der nächste Ausdruck  „reif gesenkt“ nimmt das Motiv des Herbstes wieder auf: Die Ernte ist reif, die reifen Blätter fallen von den Bäumen, alles senkt sich zu Boden. Es klingen aber auch Wehmut und Melancholie mit in diesem Bild, denn die sich senkenden Blätter kündigen auch schon den nahenden Winter, ihr langsames Absterben, an. Übertragen auf den Gedichtsprecher vermittelt diese Bild des Sich–Senkens eine Stimmung des Erschöpft–Seins.

Der Sommer wird in der nächsten Zeile als „weit“ beschrieben. Es ist der „vorletzte Tag“, der 29. September.  Diese Tatsache wird bedauert, was durch das „schon“ und das nachgestellte Ausrufungszeichen zum Ausdruck kommt...

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