Moral und Doppelmoral

Eines der zentralen Motive in Horváth Geschichten aus dem Wiener Wald ist die Frage der Moral bzw. die Entblößung der Doppelmoral. Die Enttarnung der kleinbürgerlichen Mentalität und Doppelmoral ist eine der Aufgaben, der sich der Autor mit seinem erfolgreichsten Stück stellt. Er spürt bereits den Aufstieg des Nationalsozialismus in Österreich und möchte zeigen, dass die verdorbene Gesellschaft die ideale Grundlage dafür bildet.

Die Gesellschaft in Horváths Stück gibt sich äußerlich moralisch. Die christlichen und konservativen Werte werden hochgehalten und dürfen öffentlich nicht infrage gestellt werden. Mehrere der Kleinbürger*innen legen Empathie, Mitleid, Anteilnahme und Verständnis für ihre Mitmenschen an den Tag. Aber hinter der Fassade sind ihre Brutalität, Oberflächlichkeit, Egoismus und Boshaftigkeit verborgen. Ihre Handlungen und Äußerungen entlarven ihr wahres Ich. Vor allem der Zauberkönig, Alfred, Oskar und die Großmutter missachten die moralischen Regeln, wenn es ihnen beliebt, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Leopold der Zauberkönig

Der Moralapostel

Am deutlichsten wird die Doppelmoral der Horváth’schen Kleinbürger*innen anhand der Figur des Zauberkönigs Leopold dargestellt. Der Besitzer eines Spielwarengeschäftes in der stillen Straße in Wien wird von seiner Nachbarin Valerie geschätzt. Er sei ein „seltener Mensch, bescheiden und anständig, der echte Bürger vom alten Schlag“ (S. 78).

Seit seine Frau Irene an Brustkrebs verstorben ist, lebt er alleine mit seiner Tochter Marianne. Die 22-Jährige hätte sich gerne mit einem eigenen Institut für rhythmische Gymnastik selbstständig gemacht, doch ist ihr Vater strikt dagegen gewesen, denn er hält nichts von der Emanzipation der Frau: „Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus“ (S. 26). Er braucht seine Tochter nicht nur als fleißige Haushälterin, sondern auch als tüchtige Verkäuferin, um sein Geschäft zu betreiben.

Generell ist der Zauberkönig sehr streng mit seinem einzigen Kind. Nur auf seinen Wunsch hin hat Marianne zugesagt, den benachbarten Metzger Oskar zu heiraten, den sie eigentlich gar nicht liebt. Als er Oskar Ratschläge für seine Beziehung zu Marianne gibt, werden sein Sexismus und Chauvinismus deutlich, die er hinter der Maske der Prinzipientreue kaum verbirgt: „Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat!“ (S. 21).

Eine Szene weiter mimt er wieder den entrüsteten Moralapostel, als er Marianne und Alfred in flagranti erwischt: „Diese Verlobung darf nicht platzen, auch aus moralischen Gründen nicht!“ (S. 40). Er versucht daraufhin, einen Handel mit Alfred einzugehen, und lässt ihn versprechen, dass er niemandem von Mariannes Treuebruch erzählen wird. Die Gefühle seiner Tochter interessieren ihn nicht. Als seine Tochter aber Alfred wählt und Oskar verlässt, verstößt der Zauberkönig sie mitleids- und rücksichtslos.

Sittenlosigkeit und Lasterhaftigkeit

In der dritten Szene des ersten Teils wird die Doppelmoral Leopolds besonders klar sichtbar. Als sich Valerie zum Baden in der Donau hinter einem Busch umzieht, sieht ihr der Zauberkönig unverhohlen dabei zu. Als Valerie dies bemerkt, sagt er nur: „Ich bin doch nicht pervers. Zieh dich nur ruhig weiter aus“ (S. 33). Während er Valeries Korsett an sich nimmt und daran riecht, lamentiert er in einem Monolog darüber, wie die Sitten verfallen: „Mit oder ohne Phantasie – diese heutige Zeit ist eine verkehrte Welt! Ohne Treu, ohne Glauben, ohne sittliche Grundsätz. Alles wackelt, nichts steht mehr fest. Reif für die Sintflut –“ (S. 33).

Circa ein Jahr später betrinken sich der Zauberkönig, Valerie und Erich in einem Wiene...

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