Epoche

Ödön von Horváth erreicht mit seinem Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald (1932) große Bekanntheit und zieht die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Seine kritische Sozialstudie des Wiener Kleinbürgertums wird einerseits hochgelobt, andererseits nehmen die aufstrebenden Bewegungen der radikalen politischen Rechten scharfen Anstoß an dem Werk, was für den 30-jährigen Autoren bald schwerwiegende Folgen haben wird, die schließlich 1936 zu seinem Exil führen werden. 

Unser Dokument Epoche widmet sich zunächst der komplexen Entstehung des Dramas und dem literarischen Werdegang des Autors. Der Schriftsteller wird 1901 in der österreichisch-ungarischen Monarchie geboren: Als junger Mann lebt er in verschiedenen Städten und erlebt in jungen Jahren den Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Welt, die er bisher gekannt hat. Sein literarisches Schaffen fällt in die Zwischenkriegszeit und damit in eine Periode voller politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandlungen. 

Um das Drama Geschichten aus dem Wiener Wald in seinem historischen Kontext vollständig erfassen zu können, ist es unerlässlich, die Vorgeschichte und Nachgeschichte seiner Entstehung zu kennen. Im nächsten Abschnitt beleuchten wir daher die historischen Umstände zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der ersten Phase der Ersten Republik 1933. Österreich befindet sich 1931 auf dem Weg zum Austrofaschismus, was Horváth zu erahnen scheint. Nicht nur in seinen früheren Werken, sondern auch in den Geschichten aus dem Wiener Wald schildert er ein soziales Klima, das den Nationalsozialismus ankündigt.

Die Hauptfigur des Volkstücks, die 22-jährige Marianne, wird zunächst von ihrem patriarchalischen Vater deshalb zurückgestoßen, weil sie nicht den Fleischermeister Oskar als Ehemann auswählt. Dann werden sie und ihr Kind von ihrem leichtlebigen Liebhaber verworfen und verlassen. Die Rolle der Frau im Österreich der Zwischenkriegszeit sowie der Mädchenhandel, der zu jener Zeit ein großes Problem darstellt, repräsentieren zwei zentrale Themen der Geschichten aus dem Wiener Wald, welche den Autor über mehrere Jahre hinweg beschäftigt haben. Nicht nur Mariannes Schicksal, sondern auch das Verhalten der verschiedenen Frauen im Stück werden kurz geschildert.

Ödön von Horváth hat sein Drama als Volksstück charakterisiert. Die Geschichten aus dem Wiener Wald haben jedoch nur mehr wenige Gemeinsamkeiten mit dem am Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen und zu seiner Entstehungszeit totgesagten Theatergenre. Während das alte Volksstück eher der einfachen Unterhaltung dient, möchte Horváth mit seinem neuen Volksstück aufrütteln, warnen und aufklären. Am Ende des Dokumentes Epoche wird auf die Rezeptionsgeschichte von Horváths bekanntestem Volksstück vor und nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen.

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