Marianne

Die selbstbewusste Tochter des Zauberkönigs

Marianne ist zweiundzwanzig Jahre alt. Sie ist die einzige Tochter eines Spielwarenhändlers, der die Puppenklinik Zum Zauberkönig in einer stillen Straße des achten Wiener Bezirkes besitzt. Ihre Mutter ist bereits vor Jahren an Brustkrebs gestorben. Täglich hilft sie ihrem Vater tatkräftig als Verkäuferin beim Betreiben seines Geschäftes. Sie ist eine freundliche und begabte Verkäuferin: „Ganz und gar, gnädige Frau! Wir haben doch hier das erste und älteste Spezialgeschäft im ganzen Bezirk – gnädige Frau bekommen die gewünschten Zinnsoldaten, garantiert und pünktlich!“ (S. 17). Sie scheint sich auch um den Haushalt zu kümmern. Aber statt seiner Tochter dafür dankbar zu sein, beschimpft ihr Vater sie schon beim ersten Auftreten im Schlafrock und kommandiert sie herum, weil er einfach seine Sockenhalter nicht finden kann (S. 17).

Marianne wächst wohlbehütet in einer Art gläsernen Gefängnis auf. Der patriarchalische Zauberkönig geht sehr streng mit seiner Tochter um und hält sie generell kurz. Sie hat davon geträumt, rhythmische Gymnastik zu studieren und danach berufstätig zu sein. Sie möchte ein eigenes Institut eröffnen, doch ihre „Verwandtschaft hat keinen Sinn für so was“ (S. 26). Von der Emanzipation der Frau hält ihr Vater überhaupt nichts: „Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus“ (S. 26).

Auf Wunsch ihres Vaters hat die tugendhafte und fromme Marianne auch einer Verlobung mit dem benachbarten vermögenden Fleischermeister und Jugendfreund Oskar zugestimmt, den sie seit acht Jahren kennt. Sie fügt sich den Wünschen ihres Vaters, der damit seinen Lebensabend finanziell absichern will. Marianne erwidert hingegen Oskars Gefühle nicht. Als dieser sie fragt, ob sie ihn liebe, antwortet sie resignierend: „Was ist Liebe?“ (S. 20). Sie präzisiert später: „Eigentlich ist das nämlich gar nicht das, was man halt so Liebe nennt, vielleicht von seiner Seite aus, aber ansonsten –“ (S. 26). Sie ist vom Metzger nicht begeistert, der sie beim Küssen immer wieder beißt und auch sonst eher brutal mit ihr umgeht.

Liebe auf den ersten Blick

Kurz bevor die Verlobung verkündet wird, schlendert der Liebhaber der Nachbarin, Alfred, an der Puppenklinik vorbei. Die hübsche Marianne dekoriert gerade die Waren im Schaufenster. Als sie den attraktiven jungen Mann zum ersten Mal sieht, ist sie „fast fasziniert“ von ihm (S. 22). Sie flirtet mit ihm wortlos durch das Fenster. Valerie hat die Annäherung beobachtet und beendet umgehend ihre Beziehung zu Alfred, der nun wieder frei wie ein Vogel ist.

Am Sonntag darauf unternimmt Marianne mit ihren Freunden und Verwandten einen Badeausflug an die Don...

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