Gerechtigkeit

Definition

Das Thema Gerechtigkeit findet sich als Leitmotiv in verschiedenen Ausprägungen im Theaterstück. Hauptmann bietet seinem Zuschauer keine einfache Lösung an, sondern hinterfragt die Definition von Gerechtigkeit, die durch verschiedene Charaktere verkörpert wird. Grundsätzlich versteht man unter Gerechtigkeit, dass zwischen zwei Parteien ein ausgeglichenes Verhältnis herrscht. Daher wird die Gerechtigkeit oft auch in Form der Justitia dargestellt, die die Ausgeglichenheit mit einer Waage in ihrer Hand symbolisiert. Damit sind die Grundnormen verbunden, die in der Gesellschaft existieren und an die sich jeder halten muss. Sie werden durch die Religionen oder/und die Gesetze reguliert und deren Einhaltung wird durch dafür ausgebildete Menschen überwacht.

Herr Johns rechtliche Gerechtigkeit

Im vierten Akt kommt es zu einer Konfrontation zwischen Herrn John und Bruno, dem kriminellen Bruder seiner Frau, in der Wohnung der Familie John. Herr John hat Bruno bei ihrem letzten Treffen damit gedroht, ihn zu erschießen, wenn er nochmals in die Wohnung der Familie John kommen sollte: „Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten Herbst, wo du mich jemals wieder uff meine Schwelle unter de Oogen trittst“ (S. 84).

Herr John fordert ihn auf, zu gehen, und bedroht ihn mit seinem Revolver, doch Bruno zeigt keine Furcht. Frau John fällt ihrem Mann in den Arm und dieser legt den Revolver fort, um zur Polizei zu gehen und Bruno festnehmen zu lassen: „In eene halbe Stunde komm ick zurück. Aber nich alleene! Ick komm mit`n Wachmeester!“ (S. 84). Er lässt das Haus von der Polizei abriegeln und ist bereit, Bruno selbst festzunehmen, um ihn auszuliefern: „Det Unjeheuer is hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der Erschte, wo ihm, Hände und Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut“ (S. 95).

Für Herrn John verkörpert in diesem Moment die Polizei den Vertreter der Gerechtigkeit, die er mit seinem Handeln unterstützen will. Da er um die kriminellen Machenschaften Brunos weiß, stellt dessen Festnahme für ihn einen Akt der Gerechtigkeit dar. An dieser Stelle bezieht sich die Gerechtigkeit auf die Bestrafung der Handlungen Brunos, die aus rechtlicher und menschlicher Sicht geahndet werden müssen. Er bricht wiederholt die sozialen Regeln und muss dafür nun die Konsequenzen tragen.

Gerechtigkeit und Gefühle

Seine Frau aber kritisiert ihn wegen seines Verhaltens scharf, da sie nicht mehr an Gerechtigkeit glaubt: „Mach du Rotznäsen wat wees von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich ma oben im Himmel“ (S. 95). Sie nimmt ihren Bruder stets in Schutz und zeigt ihn auch dann nicht bei der Polizei an, als er ihr gesteht, dass er die Piperkarcka umgebracht hat, sondern händigt ihm Geld für seine Flucht aus (S. 87). Obwohl sie sogar sein Versteck kennt: „Ick jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in`t olle Polizeijefängnis jejenieber de Fischerbrücke zu Miete hat“ (S. 88), lügt sie ihren Mann später an und behauptet, dass er gar nicht in der Wohnung der Familie John gewesen ist.

Frau John hat somit ein völlig anderes Verständnis von Gerechtigkeit als ihr Mann, weil ihre mütterlichen Gefühle ihr Verhalten diktieren. Sie hat Bruno großerzogen und betrachtet ihn immer als ihr Kind. Sie kann ihn einfach nicht verraten und ist bereit, ihm alles zu vergeben.

In der Ratten-Welt ist damit die Frage nach der Gerechtigkeit manchmal schwierig zu  beantworten, denn die schwierigen Lebensumstände der implizierten und mitfühlenden Figuren erzwingen solche Handlungen, die sie sicher unter normalen Umständen durchaus abzulehnen würden.

Soziale Gerechtigkeit

Erich Spitta musste damals mit ansehen, wie seine ältere S...

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