Quellen

Was Hauptmanns Theaterstück „Die Ratten“ betrifft, so können mehrere Quellen herausgearbeitet werden, die bei seiner Abfassung durch den Dichter eine Rolle spielten.

Das Mietshaus

Das Mietshaus, in dem die gesamte Handlung des Stücks spielt, kann durchaus symbolisch betrachtet und grundsätzlich als ein Beispiel für die oftmals sehr schlechte Wohnraumsituation der Bewohner Berlins Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden (siehe dazu „Zeitgeschichtlicher Hintergrund: Berlin als Großstadt am Ende des 19. Jahrhunderts“).

Die Forschung geht davon aus, dass sich Hauptmann ganz konkret auf eine alte Kaserne in der Alexanderstraße 10 bezieht. Sie liegt nahe dem bekannten Alexanderplatz, der 1929 auch von Alfred Döblin in seinem Werk „Berlin Alexanderplatz“ verewigt wurde. Zu dem Zeitpunkt, zu dem das Stück spielt (ungefähr um 1880 herum) lebten in diesem Haus, das im Volksmund auch „Wanzenburg“ genannt wurde, bis zu sechzig Familien.

In der Vossischen Zeitung ist Ende Mai 1900 eine Beschreibung dieser Wohnungen zu finden, die sich in etwa mit derjenigen deckt, in der Familie John wohnt. Die ehemaligen Mannschaftsstuben wurden „durch Holzwände in zwei Stuben geteilt“ (S. 109), sodass zwei Räume zur Verfügung standen.

Familie John nutzt eine abgetrennte Ecke als Schlafraum, die Küche und die Wohnstube sind im übrigen Teil zu finden. In diesen kleinen Wohnungen lebten Familien mit bis zu neun Personen (S. 109). In den oftmals stark verschmutzten Räumen und Fluren kam es aufgrund der großen Enge oft zum Ausbruch von Seuchen und Epidemien (S. 109), die unter anderem durch Ratten übertragen wurden.

Die Fotos aus dieser Zeit zeigen heruntergekommene Häuser, deren Verputz stellenweise stark beschädigt war, und man kann aufgrund dessen davon ausgehen, dass auch die Wohnräume oftmals feucht und voller Ungeziefer waren (S. 108 und 110). Fotos von Heinrich Zille zeigen völlig heruntergekommene Häuserfassaden im Krögel, einer bekannten Straße in Berlin um die Jahrhundertwende (1900).

Arno Holz vermittelt in seinem Gedicht „Im Keller nistete die Ratte“ (1898/1899) ein eindrucksvolles Zeugnis davon, wie man sich das Leben in einem solchen Haus vorstellen musste (S. 108). Diese Häuser wurden sehr hoch gebaut, um die größtmögliche Zahl an Bewohnern aufnehmen zu können. Meist waren bis zu fünf Stockwerke und entsprechend viele Wohnungen zu verzeichnen, in denen Familien lebten, die nur über ein sehr geringes Einkommen verfügten. Neben den beengten und schlechten hygienischen Verhältnissen (S. 108, Z. 5: „Im Keller nistete die Ratte“) war das Leben durch den Krach der nahen Fabriken beeinträchtigt (S. 108, Z. 2).

Dies kann als ein Bild dafür betrachtet werden, dass die Bewohner nie zur Ruhe kommen konnten. Wenn sie nicht in der Fabrik für einen Hungerlohn arbeiten mussten, so verfolgte sie das Geräusch ihres Arbeitsplatzes bis hinein in ihre heruntergekommenen Wohnungen, die sie mit ihrem kleinen Gehalt gerade so anmieten konnten. Viele der Bewohner ertränken ihr Leid in „Branntwein, Grog und Bier“ (S. 108, Z. 6). So wurden diese Häuser zu einem Symbol für das „Vorstadtelend“ (S. 108, Z. 8).

Der Streit um das Kind

Die Forschung hat ebenfalls einen Bezug zu einem Zeitungsartikel herausgearbeitet, der am 13. Februar 1907 im Berliner Lokalanzeiger erschien (S. 112-113) und zu dem sich Hauptmann noch am selben Tag Notizen in seinem Tagebuch machte (S. 113). Darin wird von einem Gerichtsprozess berichtet, in dessen Rahmen die Frau eines Garderobiers das Kind eines Dienstmädchen...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen