Eine Tragikomödie

Definition der Tragikomödie

Der Begriff Tragikomödie, den Hauptmann im Untertitel seines Theaterstücks verwendet, wurde von dem römischen Komödiendichter Titus Maccius Plautus begründet, der ungefähr von 254 bis 184 vor Christus in Rom lebte. Der Begriff beschreibt die Kombination aus Elementen der Tragödie und der Komödie, ein Technik, die sich auch schon in der Antike bei Aristoteles und Euripides nachweisen lässt.

Die französische Tragikomödie, die im 17. Jahrhundert sehr beliebt war, orientierte sich noch stark an den drei Einheiten Ort, Zeit und Handlung und verlangte nach dem klassischen Versmaß des Alexandriners. Der wichtigste Unterschied gegenüber der klassischen Tragödie bestand aber nicht in der Integration von Humor im eigentlichen Sinne, sondern in der Tatsache, dass die Hauptfigur nicht am Ende des Stücks starb, sondern die Handlung zu einem guten Ende geführt wurde.

In dem konkreten Fall von Hauptmanns Ratten lassen sich sowohl tragische als auch komische Elemente herausarbeiten, die zusammengeführt werden. Dabei überwiegt allerdings die tragische Komponente, auch führt die Handlung keineswegs zu einem guten Ende, sondern das Resultat der Handlung ist Mord und Selbstmord sowie ein verzweifelter Herr John, dessen Existenz mit einem Schlag seinen Sinn verloren hat.

Das soziologische Milieu

Die klassische Konzeption der Tragödie orientierte sich an der damaligen gesellschaftlichen Ordnung der aristokratischen Gesellschaft. Die Tragödie war diejenige Form des Theaters innerhalb der Aristokratie, in der die oberen gesellschaftlichen Schichten auftraten. Man glaubte, dass nur gebildete und wohlhabende Menschen dazu in der Lage seien, edle und aufrichtige Gefühle zu empfinden und zu zeigen.

Im Gegensatz zur klassischen Tragödie war die Komödie diejenige dramatische Form, in der die unteren sozialen Schichten die Hauptrollen spielten. Durch das Aufkommen der Demokratie war diese strikte Trennung nicht mehr haltbar und wurde von vielen Autoren stark kritisiert. Man erkennt deutlich bei Hauptmanns „Ratten“, dass der Autor als Vertreter der Arbeiterschicht zeigen wollte, dass jeder Mensch durchaus dazu in der Lage ist, starke moralische Werte zu vertreten oder diese zu vernachlässigen.

Im Zentrum der Darstellung findet der Zuschauer die Frau eines Maurerpoliers und ein Dienstmädchen, das aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft völlig verzweifelt ist und nicht mehr zu ihren Eltern zurückkehren kann. Ihre Eltern empfinden trotz ihrer gesicherten Existenz kein Mitleid mit ihrer Tochter und zeigen damit weniger Mitgefühl als die Frau eines Arbeiters.

Überhaupt bildet der Kontrast zwischen der oberen und der unteren Gesellschaftsklasse ein zentrales Element in Hauptmanns Theaterstück. Der Berührungspunkt zwischen den beiden Welten ist Familie Hassenreuter. Obwohl die Familie aufgrund des Verlustes des Arbeitsplatzes von Direktor Hassenreuter nicht mehr denselben Lebensstandard pflegen kann wie zuvor, können sie sich doch einen Hauslehrer leisten und verschenken an Familie John einen teuren Apparat, mit dem man Milch sterilisieren kann. Am Ende wird es deutlich, dass die Familie aufgrund eines neuen Engagements des Vaters in Straßburg nun wieder ihren alten Lebensstil weiterführen kann.

Erich Spitta ist ein armer Student, der sein Essen oft aus der Volksküche bezieht (S. 91) und sich ein wenig Geld als Hauslehrer bei der Familie Hassenreuter verdient. Wenn das Geld trotzdem nicht reicht, erhält er manchmal Geld von seiner Geliebten Walpurga (S. 78). Erich Spitta hat aber durch sein Studium die Möglichkeit, im sozialen Gefüge aufzusteigen. Daher willigt schließlich auch Frau Hassenreuter in die Beziehung ein, auch wenn sie das fehlende Geld durchaus als Problem für Walpurga betrachtet, die einen anderen Lebensstil gewohnt ist (S. 90-91). Erich Spitta wird somit als eine Person gezeichnet, die sich im sozialen Gefüge durchaus bis zu einem gewissen Level hocharbeiten kann.

Frau Knobbe stammt angeblich aus einem wohlhabenden Elternhaus und wurde aufgrund einer unehelichen Schwangerschaft verstoßen. Diese beiden Frauen haben ihren sozialen Status verloren und sind nicht mehr dazu in der Lage, sich aus ihren schwierigen Lehensv...

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