Rezension

Wie wird aus einem ordentlichen Familienvater, regelmäßigem Kirchengänger und zuverlässigem Dienstleistenden ein wahnsinniger Mörder? Gerhart Hauptmanns berühmtestes Werk schildert die tragische Geschichte des Bahnwärters Thiel und beschreibt uns seinen Leidensweg vom gutmutigen und fleißigen Bahnwärter hin zum Insassen einer psychiatrischen Anstalt.

Gleichzeitig wunderschön-verträumt und schrecklich-angsteinflößend beschreibt Hauptmann die Natureindrücke aus der Sicht eines Mannes an der Schwelle zur Psychose. Die harschen, realistischen Darstellungen von Kindesmissbrauch, Mord und Wahnsinn treffen auf eine Menge Symbolik und Metaphorik. Der kühle distanzierte Erzähler bildet den Kontrast zur Ebene des Protagonisten, dessen Leidenschaft und Verzweiflung ihn ins Chaos treiben. Die Novelle ist durchaus eine „novellistische Studie“, aber sie ist auch das Innenporträt einer typisch naturalistischen Hauptfigur.

„Bahnwärter Thiel“  repräsentiert ein Zeitbild des Lebens auf dem Lande im auslaufenden 19. Jahrhundert: Die Zweckehen waren für das Überleben oft nötig und  die Maschine stand für etwas Neues, Fremdes und Bedrohliches. Das Werk stellt auch philosophische Fragen danach, inwiefern der Mensch seinem Schicksal ausgeliefert ist: Thiel, der sensible Protagonist mit dem grobschlächtigen Äußeren, der seinen sexuellen Trieb nicht unter Kontrolle halten kann, kann sich nicht von seinem schrecklichen „Weib“ trennen, obwohl sie seinen geliebten Sohn Tobias brutal misshandelt. Seine Unschlüssigkeit und seine Zwiespältigkeit führen zuletzt zur Katastrophe.

Apropos Naturalismus: In diesem Werk treffen viele Literaturströmungen aufeinander, Hauptmann beschränkt sich durchaus nicht auf die strenge Doktrin seiner naturalistischen Zeitgenossen. Nein, hier wird in der rhetorischen Stilmittelkiste aus dem Vollen geschöpft. Trotzdem wirkt „Bahnwärter Thiel“ niemals künstlich oder übertrieben. Gerade die Vielfalt des Werks macht den Lesegenuss noch größer.

Auf nur 43 Seiten wird dem Leser eine Geschichte erzählt, so spannend, düster und bewegend, dass kaum jemand sich ihrer Wirkung entziehen kann. Die Novelle stellt eine der wichtigsten naturalistischen Werke dar und hat den Rang von Weltliteratur.