Der Krieg

Einleitung

„Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein, dieser Frieden ist so faul, ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln“, notiert Georg Heym am 6. Juli 1910 in sein Tagebuch.

Diese Zeilen spiegeln den Überdruss wider, welchen der Dichter gegenüber der Gesellschaft empfindet, die in ihrem Alltag stagniert, die Missstände der Zeit hinnimmt, sich der Obrigkeit unterwirft und mit allem zufriedengibt. Damit vertritt er den für die expressionistische Avantgarde typischen Aktivismus, dem ein Drang nach Taten, nach Veränderungen innewohnt.

Dennoch schildert er in seinem Gedicht „Der Krieg“, verfasst im September des Jahres 1911, drei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, den Krieg als ein schreckliches Ungetüm, als einnehmendes und erschreckendes Wesen. Seine Kriegsvision erscheint ein Jahr nach dem Tod Heyms in seiner ersten Nachlassveröffentlichung.

Womöglich veranlasste die zweite Marokkokrise im Juli 1911 mit der Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Agadir wenige Monate zuvor die Veränderung der Denkmuster. Vielleicht verbirgt sich hinter den Zeilen aber auch eine tiefergehende Sinnebene, die den Forderungen des Aktivismus entspricht. Diesen Fragen soll die Analyse auf den Grund gehen.

Analyse und Interpretation

Reimschema, Metrik und Gliederung

Das Gedicht besteht aus elf Strophen zu je vier Versen, verfasst in einem durchgehenden Paarreim mit ausschließlich männlichen Kadenzen. Das Reimschema ist folglich aa bb cc dd ee ff gg hh ii jj kk ll mm nn oo cc nn qq rr ss tt oo uu.

Das Metrum ist ein durchgehender sechshebiger Trochäus. Wenige Ausnahmen finden sich in den Verszeilen 10, 31, 34 und 40 mit sieben Hebungen und der Verszeile 32 mit acht Hebungen. Dieses gleichmäßige, dynamische und sich steigernde Metrum unterstreicht das Voranschreiten des Kriegs, betont die Steigerung des Entwicklungsprozesses. Die Zusammenwirkung von Form und Inhalt wird von den stumpfen Kadenzen ebenso mitgeprägt, die jeder Zeile ein deutliches, betontes Ende verleihen.

Das Gedicht lässt sich in vier Teile gliedern. Die Strophen eins bis vier beschreiben die Entstehung des Kriegs, die fünfte Strophe markiert den Übergang, schließlich thematisieren die Strophen sechs bis neun das eigentliche Wüten des kriegerischen Ungetüms, während die beiden letzten Strophen sich mit seinen Folgen und der Situation unmittelbar nach dem Ende des Kriegs beschäftigen.

Die Verse der ersten zehn Strophen sind im Präsens verfasst. Die beiden letzten Strophen stehen kontrastierend dazu im Präteritum. Ein lyrisches Ich tritt nicht unmittelbar in Erscheinung

Erste Strophe

Die erste Strophe des Gedichts ist von Inversionen geprägt: „Aufgestanden ist er“, „aus Gewölben tief“, „steht er“, „den Mond zerdrückt er“.

Die Anapher „Aufgestanden“ zu Beginn der ersten und zweiten Verszeile betont dabei die Bewegung. In Verbindung mit dem Trochäus vermittelt diese beinahe die regelmäßigen Schritte des Erwachten.

Der reiche Paarreim „schlief“ – „tief“ unterstreicht den tiefen Schlaf, aus welchem es aufzuwachen galt. „Er“, mehr erfährt der Rezipient zunächst nicht, hat seinen Schlaf weit unten, in tiefen Gewölben gehalten. Nun steht er an der Oberfläche, in der Dämmerung, und zerdrückt den Mond in seiner schwarzen Hand.

Das Personalpronomen „er“ wird in den Versen eins, drei und vier durch eine Zäsur nach der dritten unbetonten Silbe hervorgehoben. Die „Dämmerung“ sowie die „schwarze Hand“ evozieren eine dunkle Figur in düsterer ...

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