Der Gott der Stadt

Einleitung, Titel, Form und Metrik

Der expressionistische Lyriker Georg Heym hat nur ein relativ schmales Werk verfasst, da er mit nur 25 Jahren bei einem Unfall verstarb. Viele Gedichte Heyms haben jedoch einen hohen Bekanntheitsgrad und stehen programmatisch für die expressionistische Lyrik. In seinen Gedichten spricht er Themen an, die den 'Nerv der Zeit' treffen.

So auch in seinen bekannten Gedicht „Der Gott der Stadt“, das er im Jahr 1910 verfasst und ein Jahr später in der Gedichtsammlung „Der ewige Tag“ publiziert. Mit dem Titel knüpft Heym an ein zentrales Thema der Lyrik des Expressionismus an: Die Stadt als Lebensort im Zeitalter der Industrialisierung und Technisierung.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen mit je vier Versen. Dem gesamten Gedicht liegt der fünfhebige Jambus zugrunde, der den Strophen eine klare Regelmäßigkeit verleiht. Die Verse sind durchweg alternierend, d.h. betonte und unbetonte Silben wechseln sich ab. Auch dadurch erhält das Gedicht einen eindeutigen und einheitlichen Rhythmus. Das Reimschema ist das des Kreuzreims.

 Als stilistisches Merkmal lassen sich die Inversionen erkennen, die die Verse eins, fünf, sieben und acht, neun und zehn, elf, fünfzehn und sechzehn strukturieren. Dadurch werden die Verse stark verknappt. Auch die Ellipsen in den Versen vier und sechzehn haben dieselbe Funktion. Die Weglassung des Reflexivpronomens in den Versen vier und sechzehn ist typisch für die Lyrik Heyms.

Erste Strophe

Der erste Vers charakterisiert die Gottheit, die im Titel angesprochen ist. Sie wird zunächst mit „er“ benannt, sodass noch unklar bleibt, um welchen Gott es hier geht. Es wird ein sehr plastisches und greifbares Bild eines Gottes entworfen. Der große Gott thront „breit sitzend“, mächtig und bequem auf einem Hausblock. Das Adverb stellt „breit“ die Assoziation zu einem Wesen mit großem Leibesumfang her. Vorstellbar wäre beispielsweise eine Art Buddha, der in den traditionellen Bildern derart dargestellt wird. Der Gott, so wird mit diesem Bild suggeriert, schaut herrschend von oben auf die Stadt (und die dort lebenden Menschen) hinab und überblickt sie.

Der Gott ist von „Winde“ umgeben. Es scheint sich ein regelrechtes Unwetter, vielleicht ein Gewitter, zusammen zu brauen, denn der Wind wird als „schwarz“ charakterisiert. Mit der Farbe Schwarz wird eine bedrohliche Stimmung erzeugt: Der Wind hat sich „um die Stirn“ des Gottes, wo sie dort „lagern“, konzentriert.

Die düstere Stimmung wird mit dem dritten Vers bestätigt, denn der Gott ist tatsächlich wütend. Sein Blick gleitet über die Stadt hinweg und „schaut“ über den Stadtrand hinweg auf das Land, auf dem nur noch wenige Häuser stehen. Diese Häuser werden personifiziert, denn es heißt, sie „verirrn“ sich in das Land, wie Menschen sich in einer Gegend verirren. Die Gottheit, die in der ersten Gedichtstrophe gekennzeichnet wird, ist ein zorniger und beängstigender Gott, der damit aber auch deutlich menschliche Züge trägt.

Die erste Strophe macht das wesentliche Stilprinzip des Gedichts deutlich: Es zeigt eine starke sprachliche Verknappung durch syntaktische Inversionen (Vers eins) und Ellipsen, die sich auch in dem für die Lyrik Heyms typischen Weglassen des Reflexivpronomens zeigt (Vers vier). Diese sprachliche Dichte macht, wie im ersten Vers, die Präsenz der Gottheit umso deutlicher oder hebt einzelne Worte hervor, wie hier das des Verbes „verirrn“. Der Gott der Stadt schaut voll Wut weit weg in die Ferne auf die Grenzen seines Bereichs.

Zweite Strophe

Mit dem ersten Vers der zweiten Strophe ist neben dem Ort nun auch die Zeit eindeutig benannt - Es ist Abend. Der erste Vers löst jetzt auch auf, um welche Gottheit es sich handelt: Gemeint ist der Gott Baal. Baal taucht in der Mythologie des Altertums in mehrfacher Weise auf. Baal ist ein Titel, der für Herr, Meister, Besitzer, König oder Gott steht. Eindeutig ist damit gemeint, dass das Gedicht auf einen mächtigen heidnischen Gott[1] referiert. Auch die Analogie zu Baal als ein Lokal-, Stadt- und Wettergott ist offensichtlich.

Baals machtvolle und bedrohliche Ausstrahlung wird auch durch eine weitere Farbe deutlich, die die Farbsymbolik in dem Gedicht verstärkt. Die Abendsonne lässt den gewaltigen Bauch des Gottes rot erleuchten. Die leuchtende rote Farbe symbolisiert Kraft und Stärke und unterstreicht die Macht Baals. In diesem Zusammenhang weckt das Rot aber auch unweig...

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