Rezension

Wer heute zum „Lenz“ greift, der wird immer noch über die Themenwahl und die spezielle Darstellung Büchners erstaunt sein. Dennoch spricht der direkte und realistische Stil eine große Leserschaft an. Büchner war seiner Zeit so weit voraus, dass er damals missverstanden wurde, aber heute noch aktuell zu sein scheint und seine Figuren nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Woran liegt das?

Zum einen erschuf Büchner Werke, in denen Personen im Mittelpunkt stehen, die zwar konkret gezeichnet sind, aber so viel Projektionsfläche bieten, dass man sich auf menschlicher Ebene durchaus mit ihnen identifizieren kann. Es sind keine perfekten Figuren, sondern Menschen mit Schwächen und ganz alltäglichen Problemen. So auch im „Lenz“. Der reale Protagonist wurde in seinem Leben oft abgelehnt, von Goethe wurde er sogar wegen einer nicht näher bekannten „Eselei“ vom Hof in Weimar verwiesen und musste die Stadt verlassen. Auch in der Liebe hatte er wenig Glück, denn seine Neigung zu Friederike Brion blieb unerwidert, was ihn lange Zeit sehr unglücklich machte. Eine seiner engsten Vertrauten, Cornelia Schlosser, starb sehr früh, was Lenz sehr mitnahm. Auch das Verhältnis zu seinem Vater war nicht besonders gut, seitdem er 1771 sein Studium abgebrochen hatte. Obwohl diese Ereignisse nicht im Erzähltext genannt werden, sind sie doch Teil der Geschichte.

Der Ausbruch der Geisteskrankheit kann somit auch auf persönliche Umstände und starke Stresssituationen zurückgeführt werden. Das Erleben der Krankheit in Büchners Erzählung macht den Leser betroffen. Dieser sieht einen eigentlich starken und klugen Menschen, der damit zurechtkommen muss, dass er nicht mehr immer Herr seines Handelns und seiner Gedanken ist und kaum etwas dagegen tun kann. Obwohl der Text sehr kurz ist, lässt er deutlich erkennen, wie sehr dies einen intellektuellen und sozialen Menschen treffen muss, der nun noch einsamer in der Welt steht, als er bereits zuvor war. Der einzige Trost ist hierbei, dass er durch seine Krankheit Aufmerksamkeit und Zuneigung erhält, nach der er sich sein Leben lang so sehnte. Doch kann dies nicht den Schmerz und die Einsamkeit aufwiegen, die die Krankheit mit sich bringt.

Der eigentlich positive Impuls, den ihm seine Krankheit im Frühstadium gegeben und zu einem Aufbruch aus seinem bisherigen Leben bewegt hat, kann schlussendlich nicht mehr gelebt werden. Nicht nur, dass sein Zustand für die Bewohner des Hauses Oberlin und des Dorfes kaum noch tragbar ist, vielmehr erwartet die Gesellschaft von ihm eine Rückkehr zur Normalität und ein beherrschtes Verhalten. Doch dieses Leben und seine Grenzen lehnt Lenz ab, seine Reise ist doch der Versuch eines Ausbruchs aus diesen alten Begrenzungen. So ist er am Ende ein gebrochener Mensch, als ihm die Zuneigung und die Liebe im Hause Oberlins mit Gewalt entzogen werden. Er kehrt gezwungenermaßen zurück in sein altes Leben. Doch nicht nur dieses Leben erscheint ihm sinnentleert, auch er selbst fühlt nichts mehr.

Seine Mitmenschen sind erstaunt, dass er „ganz vernünftig“ (S. 33) scheint und er „alles, wie es die andern tun“ (S. 33), tut. Genau in diesem kleinen Satz steckt die Gesellschaftskritik des Werkes: Genau wie alle anderen Menschen, die in dieser zeitgenössischen Gesellschaft leben, kann auch Lenz nur überleben, wenn er diese „entsetzliche Leere“ (S. 33) in sich aufrechterhält und aufhört, sich vor ihr zu fürchten. Damit wird er wie alle andern um sich herum, weshalb er nicht mehr auffällt. Doch sein Dasein ist so keine Freude mehr, es ist ihm nur „eine notwendige Last“ (S. 33). Ursache und Wirkung sind zu einer untrennbaren Bürde zusammengewachsen.

Tritt man etwas zurück und blendet die Darstellung der Krankheit aus, so ist Büchners Werk auch eine Kritik an diesen Erwartungen der Gesellschaft. So wird die Krankheit zum Symbol für eigenständiges Denken und Handeln, was nicht akzeptiert werden kann. Nur die völlige Aufgabe von Bestrebungen, gegen die Regeln der Gesellschaft zu handeln, führt zur „Heilung“ und damit zur Anpassung des Individuums an bestehende Normen.