Lenz' Geisteskrankheit

Wahnsinn

All diese Symptome lassen sich bei Lenz nachweisen. Als er auf dem Weg nach Waldbach ist, wundert er sich bereits darüber, „dass er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunterzuklimmen, einen fernen Punkt zu erreichen“ (S. 3), da er glaubt, „er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können“ (S. 3). Die Naturgeräusche nimmt er als „Stimmen“ (S. 3), „Jubel“ (S. 3), „wie ein Wiegenlied“ (S. 4) und auch „Glockengeläute“ (S. 4) wahr. Wolken haben den Anschein von wilden Pferden (S. 3), der Sonnenschein dagegen ist ihm wie ein „blitzendes Schwert“ (S. 3–4).

Stets ist der Krankheitsverlauf aber wellenförmig. Nach Phasen, wo ihn diese Eindrücke einfach übermannen, hat er Momente, in denen er rückblickend „nüchtern, fest, ruhig“ (S. 4) seine Eindrücke wie ein „Schattenspiel“ (S. 4) betrachten kann. Er hat das Gefühl, „als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm“ (S. 5).

Immer wieder überfällt ihn eine große „Angst“ (S. 5), die oft durch Leere ausgelöst wird. Als er nach seiner Ankunft in Waldbach in ein Zimmer im Schulhaus geführt wird, das „kalt“ und „leer“ (S. 6) ist, übermannt ihn wiederum eine große Leere, die zu einer großen Angst wird (S. 6). Erst als er aus dem Haus läuft und in einen Brunnen fällt, kommt er wieder zu Besinnung und kann danach endlich aufgrund der Erschöpfung einschlafen. Als er sich nach seinem Anfall darüber bewusst wird, was er getan hat, „schämte er sich und war betrübt, dass er den guten Leuten Angst gemacht“ (S. 6) hatte. Dies zeigt, dass er in diesen Momenten keinerlei Kontrolle über sein Verhalten hat, was er aber auch in anderen Momenten doch bewusst wahrnehmen kann.

Dennoch ist die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten, dass er es nach einem Anfall nicht auch selbst reflektieren kann. Besonders heftig sind die Anfälle in der Nacht. Hier wälzt sich Lenz „halbe Nächte im Gebet und fieberhaften Träumen“ (S. 20). Sein Verhalten scheint manisch zu sein, denn auf Momente der heftigsten inneren Zerrüttung folgen Momente, in denen er „kalt und gleichgültig“ (S. 20) wird – dann erscheinen ihm seine zuvor vergossenen Tränen „wie Eis, er musste lachen“ (S. 20).

Begegnungen mit seinen Mitmenschen sind ebenfalls schwierig. Er erzählt nach seiner Ankunft anfangs „wie auf der Folter“ (S. 5), erst als er Vertrauen in die Situation hat, nimmt dieses Gefühl ab. Gerade die Beziehung zu Oberlin ist sehr wichtig, da sie ihm eine gewisse Sicherheit geben kann. Dennoch hat er immer wieder Wahrnehmungsstörungen, die als „Alp des Wahnsinns“ (S. 8) bezeichnet werden, der sich bei Einbruch der Dunkelheit zu seinen Füßen setzt. Die sprachliche Beeinträchtigung wird immer stärker – am Ende seines Aufenthaltes kann er kaum noch zusammenhängende Sätze aussprechen (S. 29). Auch seine Selbstgespräche finden häufiger statt. Dies tut er, um nicht so einsam zu sein, doch dann erschreckt er sich dabei über seine eigene Stimme (S. 29).

Fehlender Halt und gefundene Geborgenheit

Aus einer übergeordneten Perspektive aber sind die Symptome und der Krankheitsverlauf Zeichen eines ihm fehlenden Haltes in dieser Welt. Er beginnt seine Reise bereits mit deutlichen Zeichen seines geistigen Verfalls. Der Aufbruch in die Berge, der ihm von einem Freund empfohlen wird, stellt seine bisherigen Lebensgewohnheiten auf den Kopf – Lenz findet es in diesem Moment sogar schade, dass er „nicht auf dem Kopf gehn konnte“ (S. 3). Er gibt damit den Schutz seiner bisherigen Lebensumstände auf und stellt seine bisherigen Lebensgewohnheiten sozusagen „auf den Kopf“. So findet er sich auf seiner Wanderung auch zuerst der unbändigen Kraft der Natur ausgesetzt. Diese beeindruckt ihn in seiner momentanen geistigen Verfassung sehr.

Nach dieser intensiven Erfahrung kommt er im Steintal an. Schon sein Äußeres verrät, dass seine geistige Verfassung nicht besonders gut ist. Dennoch wird er sehr liebevoll von Oberlin und seiner Familie aufgenommen. Zuerst ist dieser Kontakt wie eine „Folter“ (S. 5), doch bald schon „wurde er ruhig“ (S. 5), und die familiäre Atmosphäre (S. 6: „er war gleich zu Haus“) und die Geborgenheit lassen seine Krankheit für einen Moment verstummen. Doch sobald er in das Zimmer kommt, das ihm zum Übernachten vorbereitet wurde, überkommt ihn ein neuer Krankheitsschub mit voller Kraft. Ausgelöst wird dies durch die Kälte und Leere der Raumes, der in einem heftigen Kontrast zu dem Abend bei Familie Oberlin steht. Hier vermisst er direkt den Halt, den die fürsorgliche Familie ihm von Anfang an vermittelt hat.

Lenz’ kindliches Verhalten

Lenz’ Entwicklung ähnelt dem umgekehrten Ablauf eines Lebens: Lenz entwickelt sich aufgrund seiner Krankheit wieder zu einem Kind. Dies wird im Text selbst herausgearbeitet.

So wird beispielsweise das Verhältnis von ihm zu dem Schulmeister von Bellefosse so beschrieben, dass sich Lenz bereits wie ein unsicheres kleines Kind „an ihn attachiert“ (S. 27) hat. Trotzdem benötigen sie zwei Aufpasser, um Lenz zu betreuen, der schließlich entfliehen kann. Obwohl er viel Unfug angestellt hat, wird er wieder fröhlich, als er in Waldbach „liebreich und freundlich“ (S. 28) empfangen wird. Wie ein Kind wird er ermahnt, in der folgenden Nacht wirklich im Bett zu bleiben. Oft liegt er auf den Knien von Oberlin, wo er wieder zur Ruhe kommt (S. 31). Als Lenz von seiner Geliebten erzählt, merkt er an: „... wie ein Kind hätte ich dann spielen können“, (S. 21).

Lenz hat ein „blasses Kindergesicht“ (S. 6), auch Oberlin gefällt „das anmutige Kindergesicht Lenzens“ (S. 8). Sobald es Nacht wird, befällt Lenz eine „Angst [...] wie Kindern, die im Dunkeln schlafen“ (S. 8), die er nicht überspielen oder ablegen kann. Allein der Gedanke an Oberlin hilft Lenz dann dabei, sich zu beruhigen: „Er rettete sich in eine Gestalt, die ihm immer vor Augen schwebte, und in Oberlin; seine Worte, sein Gesicht taten ihm unendlich wohl“, (S. 17).

Bei einem Spaziergang im verschneiten Wald empfindet er „ein heimliches Weihnachtsgefühl“ (S. 9), und er erinnert sich so sehr an seine Mutter, dass „er meinte, manchmal seine Mutter müsse hinter einem Baume hervortreten, groß, und ihm sagen, sie hätte ihm dies alles beschert“ (S. 9).

Lenz erkennt selbst, dass er sich bei seinen Anfällen wie ein Kind verhält und er sich selbst so behandeln muss: „... er fühlte in einzelnen Augenblicken tief, wie er sich alles nur zurechtmache; er ging mit sich um wie mit eine...

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