Merkmale des Vormärzes und des Realismus im Werk

Merkmale des Vormärzes

Als „Vormärz“ bezeichnet man die Epoche vor der deutschen Märzrevolution von 1848, die im Gebiet der Staaten des Deutschen Bundes stattfand, der im Jahr 1815 gegründet wurde. Die Bezeichnung für diese Epoche wurde erst nachträglich festgelegt.

Die weit gefasste Epochendefinition umfasst somit den Zeitraum zwischen 1815 und 1848 und stellt damit die Gründung des Deutschen Bundes und den Sieg über Napoleon als Anfangszeit heraus. Die eng gefasste Epochendefinition sieht die Zeit zwischen 1830 und 1848 als entscheidend für diese Zeit an und rückt als Anfangspunkt die französische Julirevolution von 1830 in den Vordergrund. Im Normalfall geht man von der enger gefassten Definition aus, da die Revolution von 1830 überaus wichtig für die weitere Entwicklung der westeuropäischen Staaten war.

In dieser Zeit formten sich starke nationalistische und liberale Kräfte, die den Vertretern der Restauration gegenüberstanden, die für eine Aufrechterhaltung der Stände und der Monarchie plädierten. Viele junge Menschen wehrten sich gegen diese Form der Unterdrückung und forderten Freiheit in allen Bereichen, besonders aber ein politisches Mitspracherecht. Dies führte zwangsläufig zu heftigen Konflikten mit der konservativen und restaurativen Obrigkeit, sodass Verhaftungen und Zensur literarischer Werke an der Tagesordnung waren. Auch Büchner musste 1835 wegen der Urheberschaft und der Verbreitung des „Hessischen Landboten“ nach Frankreich fliehen, wo die politische Situation nach der Revolution von 1830 wesentlich entspannter als in Deutschland war.

Die Gesellschaft war in diesem Zeitraum geprägt von der langsam einsetzenden Industrialisierung, die zu einer Landflucht der Bevölkerung führte. Die Menschen verließen ihre ländliche Heimat, um in den großen Städten eine Arbeit in den neu entstehenden Fabriken zu finden. Doch hier verdienten sie sehr wenig Geld und hausten oft unter menschenunwürdigen Bedingungen in Elendsvierteln außerhalb der Stadtgrenzen, eines dieser Viertel in Berlin trug den Namen „Vogtland“. Somit entstand auch eine neue Gesellschaftsform, die neue politische und soziale Konzepte erforderte. Auch hierfür machten sich die Vertreter des „Sturm und Drangs“ stark.

Autoren, die dem „Vormärz“ zugeordnet werden, verfassten oppositionelle politische Literatur, die die bestehenden Missstände kritisierte und die Bevölkerung gegen die Obrigkeit aufbringen sollte. Die Autoren nutzten dabei möglichst unverfängliche Formen wie den Reisebericht oder das Gedicht, um die Zensur zu umgehen. Auch die Willkür des Polizeiapparates und der Richter und die mit falschen Anschuldigungen verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung von Inhaftierten wurde beispielsweise von Ernst Dronke thematisiert.

Einige deutschsprachige Schriftsteller formten die Gruppe „Junges Deutschland“. Sie verfassten politisch engagierte und auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogene Schriften, mit denen sie das Bürgertum erreichen und zu politischem Handeln bewegen wollten. Aus diesem Grund wurde die Gruppe 1835 verboten. Weitere Schriftsteller wie Heinrich Heine und Georg Büchner unterstützten die politischen Ambitionen der Gruppe, distanzierten sich aber in künstlerischer Hinsicht von ihnen.

Merkmale des Vormärzes im Text

Auch wenn Büchner eigentlich ein politisch sehr engagierter Autor war, so erschließen sich die Merkmale des Vormärzes nicht direkt im „Lenz“. Ein Grund dafür kann sein, dass es sich hierbei um eine Auftragsarbeit für eine Zeitung handelte und Büchner der Stoff damit vorgegeben war.

Dennoch schaffte Büchner es, auch diesen Stoff sozialkritisch zu gestalten. Das Konzept des Textes ist dadurch geprägt, dass der Stadtmensch Lenz wieder zurück in die Natur geht, um eine Krankheit zu heilen, die scheinbar durch den Druck der städtischen Gesellschaft ausgebrochen ist. Dazu muss er zuerst „durchs Gebirg“ (S. 3) gehen und sich aktiv von dieser Gesellschaft entfernen. Als Kaufmann in Waldbach ankommt, wirft er Lenz vor, dass „er sein Leben hier verschleudre, unnütz verliere“ (S. 16). Kaufmann ist noch voll in der städtischen Gesellschaft verankert und sieht in Lenz‘ Aufenthalt in Waldbach nur einen Karriereknick. Daher fordert er Lenz auf, „er solle sich ein Ziel stecken“ (S. 16) und sich damit wieder in die städtische Erfolgsgesellschaft integrieren.

Dies aber lehnt Lenz vehement ab, und in dieser Ablehnung steckt Büchners Kritik an der damaligen Gesellschaft, die im Rausche der Industrialisierung den beruflichen Erfolg über Gesundheit und Zufriedenheit stellte. Daher wird Lenz ärgerlich und erklärt Kaufmann, dass er in den bisherigen Lebensumständen nicht gesund werden könne: „Ich würde toll! toll!“, (S. 16). Er bittet um „Ruhe“ (S. 16) und formuliert ganz ausdrücklich seine Kritik an der modernen Gesellschaft: „Immer steigen, ringen und so in Ewigkeit alles, was der Augenblick gibt, wegwerfen und immer darben, um einmal zu genießen; dürsten, während einem helle Quellen über den Weg springen“, (S. 16–17).

Lenz‘ Vater setzte ihn in Vergangenheit immer wieder unter Druck und kann es beispielsweise nicht akzeptieren, dass sein Sohn sein Theologiestudium abgebrochen hat. Daher kritisiert Lenz auch ihn sehr heftig: „... was will mein Vater? kann er mir geben? Unmöglich!“, (S. 17). Sein Vater steht damit im Kleinen stellvertretend für die Gesellschaft, die Lenz bzw. Büchner kritisiert (s. dazu auch „Interpretation/Sein familiärer Hintergrund“).

Am Ende der Erzählung wird Lenz dann gegen seinen Willen gezwungen, Waldbach zu verlassen und in die Stadt zurückzukehren. Dies kann er nur tun, indem er sich den Menschen anpasst, die dort leben. Lenz fühlt sich aufgrund seiner Krankheit innerlich völlig leer und hat weder einen Antrieb noch konkrete Ziele oder Wünsche. Doch er erkennt, dass er damit wie die Menschen geworden ist, die nur für den Erfolg und die Gesellschaft leben. Daher erscheint er den Leuten auch „ganz vernünftig“ (S. 33).

Somit spiegelt sich im Kontrast zwischen dem ruhigen und natürlichen Leben in Waldbach und der erfolgsorientierten Gesellschaft der Stadt die Unmenschlichkeit der modernen Gesellschaft, die niemandem ein individuelles Leben ermöglicht und auch nicht auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen eingeht. Hier müssen die Menschen funktionieren, in Waldbach dagegen wird Lenz selbst während heftiger Schübe seiner Krankheit akzeptiert und wohlwollend aufgenommen. Dies ist auch der Grund, warum Lenz schließlich gegen seinen Willen abtransportiert und dazu gezwungen wird, wieder in sein altes Leben zurückzukehren, das ihn krank gemacht hat.

Nicht nur die Darstellung der Gesellschaft ist sehr kritisch, auch die Religion wird sehr skeptisch betrachtet. Lenz sucht aufgrund seiner Krankheit Halt und Trost in der Religion. Er liest die Bibel, hält einen Gottesdienst und spricht mit Oberlin über Religion. Doch als Lenz erkennt, dass Glaube allein nichts verändert und auch keine ...

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