Szenenanalyse: Der Rütlischwur (II.2)

Handeln im Einklang mit der Natur

Die Szene auf der Bergwiese, die Rütli genannt wird, repräsentiert die politische Kernszene des Schauspiels, welche mit erregenden Momenten die Handlung weiter vorantreibt: Hier treffen sich die Vertreter der drei Kantone Schwyz, Uri und Unterwalden, um über ihr gemeinsames Vorgehen gegen die Willkürherrschaft der Vögte zu beraten. Als Treffpunkt wurde das Rütli, das heißt eine abgelegene „Wiese“, die „von hohen Felsen und Wald umgeben“ (S. 40) ist, ausgewählt.

Die Bedeutung der geplanten Zusammenkunft wird zunächst anhand eines außergewöhnlichen Naturschauspiels versinnbildlicht. Der „Mondregenbogen“ (S. 40), der später sogar noch zu einem „doppelt[en]“ (V. 979) Regenbogen gesteigert wird, symbolisiert die Besonderheit jener Nacht: „Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen! / Es leben viele, die das nicht gesehen“ (V. 977f.).

Darüber hinaus verweist die Übereinstimmung zwischen Mensch und Natur auf die natürliche Berechtigung der Versammlung und der daraus hervorgehenden Beschlüsse. Dies ist vor allem insofern von zentraler Wichtigkeit, als im weiteren Verlauf der Diskussion das „Naturrecht“ und damit die von Natur aus gültigen Rechte eines jeden Menschen die Legitimationsgrundlage für den gewaltsamen Widerstand bilden.

Mit dem Freiheitskampf soll der Natur des Menschen wieder zu ihrem Recht verholfen werden. Auf ganz ähnliche Weise rechtfertigt Wilhelm Tell später auch den Tyrannenmord mit den Worten: „Gerächt hab ich die heilige Natur“ (V. 3182f.). Die Rechtmäßigkeit dieser Vorgehensweisen wird in der Rütli-Szene durch das seltene Naturereignis hervorgehoben und bestätigt.

Botenbericht Melchthals

Nachdem Melchthal mit seinen Anhängern aus Unterwalden und Stauffacher mit seinen Gesinnungsgenossen aus Schwyz eingetroffen sind, berichtet Melchthal zunächst davon, dass er in Unterwalden sehr schnell Unterstützer für den geplanten Widerstand gefunden habe: „Die harten Hände reichten sie mir dar, / Von den Wänden langten sie die rostʼgen Schwerter, / Und aus den Augen blitzte freudiges / Gefühl des Muts“ (V. 1022).

Als jedoch die Erinnerung an die Begegnung mit seinem erblindeten Vater in Melchthal erneut ein „glühend Rachegefühl“ (V. 990) hervorruft, wird er von Stauffacher zur Vernunft gebracht: Den Eidgenossen soll es nicht um persönliche Rache gehen, sondern – ganz im Sinne der Weimarer Klassik – um höhere Ideale, wie den Schutz der Familie und die Wiederherstellung des Naturrechts: „Sprecht nicht von Rache. Nicht geschehens rächen, / Gedrohtem Übel wollen wir begegnen“ (V. 991f.).

Demnach lobt Stauffacher Melchthal auch für sein vernünftiges Vorgehen, den Vogt nicht erschlagen zu haben, als sich ihm beim Auskundschaften der Sarner Burg die Möglichkeit dazu geboten hätte: „Urteilt, ob ich mein Herz bezwingen kann, / Ich sah den Feind und ich erschlug ihn nicht“ (V. 1064f.). Damit deutet sich bereits die Wandlung Melchthals vom leidenschaftlichen und gefühl...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen