Rezension

Die Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ wurde erstmals 1786 anonym unter dem Titel „Verbrecher aus Infamie, eine wahre Geschichte“ veröffentlicht. Schiller bezieht sich in seinem Werk auf den historischen Kriminalfall des Räubers und Mörders Johann Fridrich Schwan, mit Beinamen Sonnenwirt, der im 18. Jahrhundert mit seiner Bande ganze Gegenden von Württemberg in Angst und Schrecken versetzte.

Um bei seinen Lesern Identifikation und Empathie mit dem Verbrecher hervorzurufen, wandelt der Autor die historische Vorlage nach eigenem Ermessen ab. Vor allem nennt er seinen Protagonisten Christian Wolf, dessen Name die natürliche Verbindung aus Gut und Böse im Menschen repräsentiert.

Der Halbwaise Wolf wächst unter widrigen Bedingungen auf. Er ist von Natur aus hässlich und wird von Gleichaltrigen gehänselt. Um sich die Zuneigung der schönen Johanne zu erkaufen, betätigt er sich als Wilddieb und lässt sich dabei von seinem Nebenbuhler Robert erwischen. Zurück aus der Haft versucht Christian Woll, wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden, doch überall wird er zurückgewiesen. Der junge Mann wird rückfällig und gerät nun mehr und mehr in einen Strudel aus Gewalt und Verbrechen. Als Anführer einer Räuberbande verschafft er sich Anerkennung in der Welt der Aussätzigen, doch auch hier wird er von seinen vermeintlichen Kameraden enttäuscht.   

Schließlich meldet sich Wolfs Gewissen zurück. Er bereut seine bisherigen Taten und bittet den Landesherrn um Gnade, doch all seine Bittschriften bleiben unbeantwortet. Als der Sonnenwirt sich auf den Weg nach Preußen macht, um dort Soldat zu werden, gerät er bei einer Grenzkontrolle unter Verdacht. Den vertrauenswürdigen Richter bittet Wolf erneut um Begnadigung und gibt ihm gegenüber seine wahre Identität preis. Seine tragische Laufbahn endet schließlich am Galgen.

Am Beispiel des Einzelfalls einer kriminellen Karriere reflektiert Schiller sowohl die strafrechtlichen als auch die sozialen Missstände seiner Zeit. Geschickt lenkt er die Aufmerksamkeit des Lesers auf die einflussnehmenden Umstände des Verbrechens. Damit kritisiert er die Vorverurteilungen, wie sie sowohl durch das Gesetz als auch dur...

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