Schuld und Gerechtigkeit

Schicksal und sozialer Kontext

Wer ist schuld an den Taten und Entwicklungen eines Verbrechers? Ist es ausschließlich der Täter selbst oder trägt auch die Gesellschaft Verantwortung? Schiller widmet sich dieser wichtigen Frage, indem er Individuum und den ihn umgebenden Kontext einander gegenüberstellt.

Der Autor zeigt bereits zu Beginn von Wolfs Biografie diejenigen Faktoren auf, die eine anschließende kriminelle Karriere begünstigen könnten. Zum einen ist Christian Wolf von Natur aus von hässlicher Gestalt. Das ist ein Umstand, für den er nichts kann, der ihm jedoch bei Gleichaltrigen Spott und Häme einbringt. Folglich hat er auch bei den Frauen keinen Erfolg und muss sich deren Zuneigung erkaufen. Er erlebt von seiner Umgebung nur Schmach und Zurückweisung. Freundschaft und Liebe bleiben ihm dagegen verwehrt.

Christian Wolf, dem Sonnenwirt, fehlt das nötige Geld, da die Gastwirtschaft der Familie schlecht läuft. Mit der ökonomisch schlechten Situation liefert Schiller ein weiteres Motiv.  Gründe für die finanzielle Notlage nennt er jedoch nicht. Dem jungen Mann fehlt es an Energie und Interesse, um die Gaststätte vor dem finanziellen Ruin zu retten (S. 13).

Die dritte Bedingung für Wolfs kriminellen Abstieg liegt in der fehlenden Vaterfigur begründet. Der Protagonist wächst als Waisenjunge auf und ist daher gezwungen, schnell und ohne Stütze erwachsen zu werden. Offenbar überfordert ihn diese Situation aber.

Die gesellschaftliche Verantwortung

Mit den genannten Ausgangsbedingungen könnte Christian Wolf in seiner Verantwortung bereits teilweise entlastet werden. Schiller zeigt hier eine Verkettung unglücklicher Umstände auf. Zwar trifft der junge Mann bewusste Entscheidungen: So buhlt er beispielsweise um die Gunst von Gleichaltrigen, anstatt sich um die Geschäfte zu kümmern. Auch entscheidet er sich zunächst für die Wilderei und gegen ehrliche Arbeit. Doch der Leser ist geneigt, für dieses Verhalten Verständnis aufzubringen. Er versetzt sich in die Lage des »Unglücklichen« hinein, der es bereits von Beginn an schwer hat im Leben.

Der Autor deutet in den ungünstigen Startvoraussetzungen Wolfs jedoch nicht nur ein tragisches Schicksal, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung an. Er fordert dazu auf, benachteiligten Menschen mit Respekt zu begegnen und diese nicht lediglich anhand ihrer Äußerlichkeiten oder finanziellen Möglichkeiten zu beurteilen.

Ähnliches gilt für die Vorverurteilung von Straftätern, welche Schiller später im Text kritisiert. Dennoch ist dem Autor bewusst, dass die Feudalzustände den notwendigen Egoismus der unterworfenen Schichten einforderten: Damals war sich jeder aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Situation selbst der Nächste. Demnach unterstellt Schiller der Gesellschaft weniger eine böse Absicht als vielmehr einen natürlichen Selbsterhaltungstrieb. Nichtsdestotrotz fordert er von ihr, eben jenen Umstand kritisch zu reflektieren.

Die Gerechtigkeit der Strafen

Gerechtigkeit ist ein abstrakter und vielschichtiger Begriff, der sowohl von der individuellen Perspektive als auch von den politischen und historischen Umständen abhängig ist. Zum Beispiel bedeutet soziale Gerechtigkeit für viele Menschen in unserer Gesellschaft, das...

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