Schiller als Psychologe

Materialismus und Animismus

Schiller wendet sich gegen die Vorstellung, dass die Physiognomie eines Individuums Rückschlüsse auf dessen Charakter zulässt. Diese Ansicht vertrat beispielsweise der Naturwissenschaftler Johann Caspar Lavatar, der behauptete, die kriminellen Anlagen eines Menschen seien genetisch bedingt und damit auch an seinem Äußeren erkennbar. Zwar verleiht Schiller seinem Protagonisten eine unansehnliche Physionomie, doch verortet er die Ursache seiner Verfehlungen in den Reaktionen seiner Umgebung und widerspricht damit der Theorie Lavatars und anderer Physiognomisten.

Bereits in seinem wissenschaftlichen Vorwort formuliert Schiller den Anspruch, sich mit der menschlichen Seele auseinandersetzen zu wollen. Die Psychologie als unabhängige Disziplin entwickelte sich jedoch erst lange Zeit später, und zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bis dahin setzte sich vor allem die Medizin mit dem Fachbereich auseinander. Diese war Anfang des 18. Jahrhundert jedoch stark durch die Philosophie beeinflusst, welche die Seelenlehre bereits als eigenes Teilgebiet integriert hatte.

Zu Schillers Zeiten waren zwei einander entgegengesetzte Konzepte vom Menschen vorherrschend: Zum einen das vom Philosophen Descartes geprägte Modell des Maschinenmenschen und des daraus resultierenden Materialismus.[1] Zum anderen der durch den deutschen Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl (1660-1734) begründete Animismus, welcher die Psyche als unabhängige Lebenskraft anerkannte.

Stahl formulierte die bereits durch Aristoteles geprägte Theorie, dass die Seele den Körper forme, und behauptete, dass die Seele entscheidend für die chemischen und mechanischen Vorgänge im Körper sei. Schiller übernahm diesen Ausspruch später für seine Dramenfigur des Wallenstein. Dennoch waren ihm die genannten Positionen seiner Zeit zu einseitig. Wie viele seiner Zeitgenossen suchte er nach einer verbindenden Kraft zwischen Leib und Seele.

Zusammenspiel von Leib und Seele

Im Zuge seiner medizinischen Studien beschäftigte sich Schiller mit der Frage nach eben jener Verbindung zwischen Körper und Psyche im Menschen. Dabei wurde er von seinem damaligen Philosophielehrer, Jacob Friedrich Abel, von dem Schiller auch den Urstoff zum Verbrecher aus verlorener Ehre hatte, inspiriert. Abel vertrat eine Art medizinisch-philosophische Wissenschaft, welche damals als Anthropologie bezeichnet wurde. Demnach treten Körper und Seele in ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zueinander.[2]

Im Jahr 1780, also sechs Jahre vor Veröffentlichung des Verbrecher aus verlorener Ehre, verfasst Schiller seine Dissertation mit dem Titel „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen.“  Hier plädiert er für das Ideal des "ganzen Menschen" als untrennbarer Einheit von Sinnes- und Verstandeswesen.

Die reziproke Beziehung zwischen Leib und Seele nahm für Schiller einen großen Stellenwert ein. So drückten sich heftige psychische Regungen etwa in physischen Anzeichen aus. Bestes Beispiel für diese Annahme ist die Mordszene, in der Christian Wolfs körperliche Symptome als Folge seiner seelischen Erregung beschrieben werden.

Auf der anderen Seite hätten auch körperliche Empfindungen, beispielsweise Triebe, einen entscheidenden Einfluss auf das Denken, Wollen und schließlich auf die Handlung des Menschen. Exemplari...

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