Menschenbild und Intention

Wille, Sein und Tun

Handlung und Ursache

Schillers Kritik an der „Kurzsichtigkeit der Justiz“ richtet sich vor allem gegen deren Fokussierung auf die bloßen Taten eines Menschen. Die damaligen Strafgesetze berücksichtigten lediglich das Ergebnis der menschlichen Handlungen, nicht jedoch deren Ursachen.

Schiller begreift den Menschen hingegen als ein Wechselspiel zwischen Wollen, Handeln und individuellem Sein. Diese drei Faktoren spielen bei der Entwicklung des Christian Wolf eine entscheidende Rolle. Entsprechend fordert der Autor eine bestimmte Lesart der Figur: „[…] wir müssen mit ihm bekannt werden, eh‘ er handelt, wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen“ (S. 11).

Wille

Der Wille des Einzelnen ist das zentrale Motiv seiner Handlungen. Die Forderung nach individueller Entscheidungsfreiheit steht hier ganz im Zeichen der Aufklärung. Der Mensch soll den Mut aufbringen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Viele Entscheidungen seines Protagonisten stellt Schiller als alternativlos dar. Sie wirken aufgrund der einflussnehmenden Umstände wie vorgezeichnet. Ein Beispiel hierfür ist Wolfs Rückfall als Wilddieb, nachdem seine Bewerbungen für ehrliche Arbeiten abgelehnt wurden. Auch die Begegnung mit dem Räuberhauptmann geschieht in dem Moment, in dem Wolf nichts mehr zu verlieren hat und sich nach Anerkennung innerhalb einer Gemeinschaft sehnt.

Sein

Der Autor macht die Macht des Willens von der Freiheit des Menschen abhängig. Diese kann mehr oder weniger groß sein, je nach den günstigen oder ungünstigen Konditionen. Widrige Bedingungen erfordern mehr Anstrengungen und Durchsetzungskraft, müssen also auf bestimmte Charaktereigenschaften treffen, um ein Verhalten nach eigenem Willen zu ermöglichen. Hier kommt der Faktor des individuellen Seins ins Spiel.

Christian Wolf verfügt jedoch nicht über die nötigen Voraussetzungen: Es mangelt ihm an Selbstvertrauen, Hartnäckigkeit und Disziplin. Entsprechend tätigt er Handlungen, die nicht unmittelbar einer freien und unabhängigen Entscheidung entsprechen, zu denen er sich jedoch aufgrund der inneren und äußeren Umstände gezwungen sieht. Anstatt sich in die Geschäfte der Gaststätte einzuarbeiten und so langfristig das Ziel eines wirtschaftlichen Aufstiegs zu verfolgen, ist Wolf eher ungeduldig und will das schnelle Geld machen - zumal ihm Hannchen sonst wegzulaufen droht. Die Gunst des Mädchens ist ihm wichtiger, auch wenn es sich hierbei um falsche Zuneigung handelt.

Tun

Zu den inneren Begebenheiten zählt Schiller darüber hinaus die Gemütsverfassung des Handelnden. So seien heftige Erregungszustände kaum mehr mit Vernunft zu steuern. Entsprechend plädiert der Autor in seinem Vorwort für einen psychologischen Blick auf die Willensfreiheit: „[…] der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreyheit eigentlich rechnen darf, und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre herübertragen, und für das sittliche Leben verarbeiten“ (S. 9).

Heutzutage wird die psychologische Verfassung eines Verbrechers zum Tatzeitpunkt im Verfahren berücksichtigt. Im österreichischen Strafrecht können sich zum Bei...

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