Schiller als Kriminologe

»Constitutio Criminalis Carolina«

Zu Schillers Zeiten galt die sogenannte »Constitutio Criminalis Carolina« als Strafgesetzbuch. Hierin waren sowohl das Strafrecht als auch das Prozessrecht enthalten. Mit der heutigen Strafjustiz haben die damaligen Vorschriften jedoch nichts gemein. Berücksichtigt wurde lediglich der Tatbestand, nicht jedoch die Motive des Täters, ebenso wenig wie dessen gesellschaftliche, psychologische oder ökonomische Voraussetzungen. Zudem fanden Folter und Todesstrafe Anwendung. Auch die Resozialisierung ehemaliger Strafgefangener ließen die damaligen Gesetze vermissen.

Die »Constitutio Criminalis Carolina« verfolgte vornehmlich das Ziel der Sühne und Abschreckung, nicht jedoch der Prävention. Die absolutistischen Zustände machten es möglich, dass der Landesherr die Strafgesetze frei auslegen konnte, indem er das Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe festlegte. In dieser Interpretationsfreiheit berief man sich häufig auf christliche Werte und ihre Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit.

Schiller deutet in Der Verbrecher aus verlorener Ehre einen rechtlichen Bewusstseinswandel an, wie er sich im Zuge der Aufklärung vollzog. Die bereits seit 1532 geltende »Constitutio Criminalis Carolina« führte spätmittelalterliche Traditionen fort und war mit dem Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit, Vernunft und Vorurteilslosigkeit nicht mehr vereinbar.

Das Verbrechen und seine Umstände

Die Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre schildert einen konkreten Kriminalfall nach dem Vorbild der Geschichte des Räubers und Mörders Johann Fridrich Schwan, mit Beinamen Sonnenwirt. Schiller illustriert darin die kriminelle Karriere eines jungen Mannes, der zunächst aus der Not heraus ein Verbrechen begeht, jedoch zum sozialen Aussteiger wird und schließlich aus Rache sein Unwesen treibt. Bedeutend für den Text ist Schillers Fokussierung auf die sozialpsychologischen Hintergründe eines Verbrechens.

Bereits während seiner Schulzeit und des Studiums der Medizin entwickelte der Dramatiker ein ausgeprägtes Interesse an Kriminalfällen. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Seelenkunde, wie er sie nannte. Schiller glaubte, dass insbesondere extreme Situationen die Psyche eines Menschen zutage förderten. So beginnt er seine Ausführungen zur Geschichte des Sonnenwirts mit den Worten: „In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen. Bey jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung“ (S. 9). Schiller deutet damit an, dass es ihm weniger um das Verbrechen als solches, sondern vielmehr um dessen Umstände geht.

Schillers Sinn für die Gerechtigkeit und die Achtung des Individuums richtet sich vor allem gegen die feudalistische Herrschaftsstruktur und ihre Strafgesetze. Mit seiner Novelle bereitet Schiller den Weg hin zur bis heute populären Kriminalliteratur. Dabei grenzt er sich jedoch von der reinen Unterhaltung ab. Vielmehr will er ein Werk der Aufklärung verfassen, welches den Leser zu einem kritischen Urteilsvermögen über die damaligen juristischen Zustände anregt.

Schiller erkennt im Theater und in der Literatur eine Möglichkeit, dort anzusetzen, wo die Gesetze nicht mehr hinreichen. Viele seiner Kriminaltexte entwerfen das Bild einer sozialen Wirklichkeit, die von der Justiz nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt wird. Dies betrifft vor allem die Leidenschaften und Gemütsverfassungen des Individuums sowie die darauf einflussnehmenden Umstände.

Mit seinen kriminalistischen Schriften verfolgt der Dramatiker die Absicht, dem Leser die gesellschaftspsychologischen Hintergründe einer Straftat zu offenbaren. Dadurch trägt er zu der Identifizierung mit dem Täter bei und macht das Verbrechen nachvollziehbarer: „Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die That beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir […]“ (S. 10).

Die Polizey

Der Wunsch nach der Kommunikation zwischen der Kunst, welche das Leben widerspiegelt, und dem lebensfernen Justizapparat gipfelte in Schillers Plänen für das Krimanaldrama »Die Polizey«. Hierin spiegelt der Autor die Komplexität und Unübersichtlichkeit indivi...

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