Merkmale der Aufklärung im Werk

Was ist Aufklärung?

Friedrich Schillers Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« wurde im Zeitalter der Aufklärung verfasst. Kennzeichnend für diese Epoche sind die Berufung auf die Vernunft und die individuelle Selbstbestimmung sowie die Kritik an der staatlichen und religiösen Autorität.

Die Vertreter der Aufklärung hinterfragten die Herrschaft des Absolutismus, welche ihre Macht als gottgegeben rechtfertigten. Anstelle des religiösen und staatlichen Dogmatismus sollte das eigene und unabhängige Denken treten. Damit wurde der Mensch als Individuum anerkannt und zugleich als mündiger Bürger in die Pflicht genommen.

In Deutschland fand die Bewegung der Aufklärung im Zeitraum zwischen 1720 und 1800 statt. Ursprünglich ging sie von England, Frankreich und den Niederlanden aus. Deutschland war zu dieser Zeit in über 300 Fürstentümer zersplittert, die jeweils unter absolutistischer Herrschaft standen. Einzig Preußen leitete mit König Friedrich II erste Reformen ein. Friedrich setzte sich dafür ein, die Ideen der Aufklärung in die Politik zu übernehmen, ohne jedoch die Monarchie abzuschaffen. Damit galt er als Vertreter des sogenannten »aufgeklärten Absolutismus« und machte Preußen zum Zentrum der deutschen Aufklärung.

Die Kritiker des feudalabsolutistischen Systems kamen vor allem aus den Reihen des aufstrebenden und sich zunehmend emanzipierenden Bürgertums. Insbesondere Gelehrte und Philosophen, aber auch Adlige fühlten sich der Bewegung verbunden. Aufklärerisches Gedankengut wurde vordergründig durch die Kunst und die Philosophie verbreitet. Maßgeblich hierfür war der deutsche Philosoph Immanuel Kant mit seinem Werk »Was ist Aufklärung?«. Schiller ist als bedeutender literarischer Vertreter neben anderen Schriftstellern, wie Martin Wieland, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Christoph Gottsched, zu nennen.

Belehrung durch Realitätsnähe

Die Erzählliteratur der Aufklärung wollte sich von der Fiktion des populären Romans abgrenzen, indem sie von authentischen Begebenheiten berichtete. Als Mittel hierzu diente die auf Erfahrung beruhende (empirische) Untersuchung der Wahrheit, welche insbesondere psychologische und anthropologische Erkenntnisse zutage fördern sollte. Das Ziel war es, die Distanz zwischen der abgebildeten Wirklichkeit im Text und der Alltagsrealität des Lesers zu verringern.

Der Erfolg der Aufklärung wurde darin gesehen, den Leser zu einem Vergleich mit dem eigenen Leben und somit zum kritischen Denken und Handeln zu veranlassen. Die Frage, wie dies zu bewerkstelligen sei, stellt Schiller in der theoretischen Einleitung seiner Erzählung. Er formuliert als Antwort die These, dass „der Held wie der Leser erkalten“ (S. 10) müsse. Demnach gelte es, eine realistische und faktenorientierte Darstellung der Geschehnisse zu liefern.

Schiller wollte seine Leser belehren und unterrichten, anstatt ihre Neugierde lediglich durch Erfindungsreichtum zu stillen. Er entschied sich daher bewusst für die Schilderung einer wahren Begebenheit. Dabei wollte er auf Stilmittel, wie Täuschungen, Übertreibungen und Effekthascherei, verzichten. Anstatt die Leser emotional zu beeinflussen, setzte er auf deren Verstand. Diesen sollten sie dazu nutzen, um sich ein eigenes Urteil über das Schicksal des Protagonisten zu bilden. Einen derart unabhängigen Entscheidungswillen bezeichnet der Autor in seiner Vorrede als „die republikanische Freyheit des lesenden Publikums, selbst zu Gericht zu sitzen“. Damit deutet Schiller das Bestreben der Aufklärung zu mehr Selbstbestimmung an.

Bezug auf die Wissenschaften

Mit der Aufklärung entwickelte sich ein neues, naturwissenschaftliches Weltbild, welches vornehmlich am empirischen Erkenntnisgewinn mithilfe von Vernunft, Wahrnehmung und Erfahrung interessiert war. Nachprüfbarkeit, Objektivität und rationale Erklärungen sollten den Mythen und dem Aberglauben entgegengestellt werden. Die Bildung wurde als die wesentliche Grundvoraussetzung dafür angesehen, diese Bestrebungen voranzutreiben. So entwickelten sich im Zeitalter der Aufklärung zahlreiche neue Forschungen auf dem Gebiet der Philosophie und der Naturwissenschaften. Auch in der Erzählliteratur der Epoche spiegelt sich das wissenschaftliche Interesse wider.

Schiller greift in seinem Kriminalbericht auf zahlreiche Metaphern und Fachbegriffe unterschiedlicher Wissenschaften zurück. Allem voran beruft er sich mehrfach auf die Seelenlehre, welche erst später als eigenständige Disziplin unter dem Begriff »Psychologie« etabliert wurde. Daneben zieht er Vergleiche aus unterschiedlichen Bereichen der Naturforschung, wie ...

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