Vorwort

Theoretische Einleitung

Friedrich Schiller beginnt seine Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« mit einer theoretischen Einleitung. Diese ist im Verhältnis zum gesamten Umfang des Textes auffällig lang und zudem durch einen ungewöhnlich wissenschaftlichen Sprachstil gekennzeichnet.

Schiller setzt in diesem Prolog einen Erzähler ein, der die sozialpsychologischen Thesen des Autors zur Verbrechensforschung erörtert. Er geht darin der Hauptfrage nach, welche inneren und äußeren Umstände einen Menschen zum Kriminellen machen.

Zugleich folgt die Einleitung einem programmatischen Anspruch. Der Leser wird auf  die eigentliche Geschichte des Sonnenwirts Christian Wolf vorbereitet und dabei Schritt für Schritt einer bestimmten Lesart zugeführt. Schiller reflektiert in diesem Zusammenhang die Art und Weise seiner Erzähltechnik sowie das damit anvisierte Ziel, dem Leser das Schicksal des Protagonisten näherzubringen.

Gleich im allerersten Satz rechtfertigt der Erzähler die Hinwendung zur Verbrecherthematik und äußert damit zugleich deren didaktische Funktion: „In der ganzen Geschichte der Menschheit ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen“ (S. 9). Diese einleitende These räumt der eingehenden Beschäftigung mit den menschlichen Abgründen einen prominenten Stellenwert ein. Schiller möchte sowohl das »Herz« als auch den »Geist« seiner Leserschaft ansprechen und widerspricht damit seiner eigenen, später erwähnten Intention, vornehmlich an deren Verstand appellieren zu wollen.

Grundsätzlich zieht sich durch die gesamte Vorrede das Bestreben der Erzählung, „eine Schule der Bildung“ (S. 10) sein und sich damit von der Unterhaltungsliteratur abgrenzen zu wollen. Schiller erweist sich in diesen Bemühungen als typischer Vertreter der Spätaufklärung. Er bezeichnet sich selbst als „Geschichtsschreiber“ (S. 11), welcher einem historischen Wahrheitsanspruch gerecht werden will.

Erzähltheorie

Der Erzähler wirft in seinem Vorwort die Frage nach den erzähltheoretischen Möglichkeiten eines Autors auf und reflektiert damit zugleich seine eigene Technik. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass „eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser“ (S. 10) klafft, die es zu schließen gilt.

Während das lesende Publikum sich in einer ruhigen und distanzierten Gemütslage befindet, ist die Situation des Protagonisten durch Erregung und außergewöhnliche Belastung gekennzeichnet. Aufgrund dieser emotionalen Kluft ist es dem Leser unmöglich, sich in den Helden hineinzuversetzen und Mitgefühl für ihn zu entwickeln.

Schillers Ziel ist es jedoch, den Verbrecher als Menschen darzust...

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