Der Brief an den Fürsten

Wandel und Erkenntnisprozess

Christian Wolfs Karriere als Räuberhauptmann endet, als er sich von der Bande hintergangen fühlt. Seine anfänglichen Hoffnungen auf Freundschaft und Zugehörigkeit werden enttäuscht und deshalb beginnt Wolf, über sein bisheriges Leben nachzudenken. Nach langer Zeit regen sich Reue und schlechtes Gewissen in ihm: „Er fing an, zu hoffen, daß er noch rechtschaffen werden dürfe, weil er bey sich empfand, daß er es könne“ (S. 29). Der Protagonist macht an dieser Stelle einen charakterlichen Wandel und Erkenntnisprozess durch. Sein Ziel ist der Weg zurück in die Gesellschaft und so bittet er schließlich den Landesherrn um Gnade.

Insgesamt schickt Wolf drei Bittschriften an den Fürsten, die jedoch alle samt unbeantwortet bleiben. Auszüge des ersten Briefes werden vom Erzähler in Zitatform wiedergegeben. Offenkundig soll das Schriftstück den dokumentarischen Charakter des Kriminalberichts unterstreichen, ähnlich einem Beweismittel. Zum anderen erlaubt die Briefform einen tieferen Einblick in die Seelenlage des Verbrechers. Diese äußert sich vor allem in Wolfs selbstreflexiver Analyse seines Lebens: „Ich verabscheue mein Leben, und fürchte den Tod nicht, aber schrecklich ist mirs zu sterben, ohne gelebt zu haben“ (S. 30).

Gliederung

Der Brief lässt sich darüber hinaus in verschiedene Abschnitte gliedern, welche sich auf die Art und Weise der Argumentation beziehen. Einleitend beginnt Wolf zunächst mit der Bitte um Gehör (S. 30, Z. 3-6).

Der anschließende Hauptteil umfasst den Gnadengesuch sowie dessen Begründung und Bedingung. Hierbei geht der Verfasser in drei Schritten voran: Zunächst gibt er sich als Verbrecher zu erkennen und macht das Angebot, sich freiwillig zu stellen (ebd., Z. 6-8).  Im zweiten Schritt knüpft er sein Angebot an die Bedingung, am Leben bleiben zu dürfen, und erläutert zugleich diesen Wunsch (ebd., Z. 8-19). Der dritte Abschnitt des Hauptteils besteht schließlich aus der Begründung des Angebots (ebd., Z. 20-31). Wolf argumentiert hier zum einen mit der Tatsache, dass er, formell gesehen, nach wie vor frei herumläuft (ebd., Z. 22/23). Zum anderen verweist e...

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