Rezension

Hier findest du zwei Vorschläge zur Rezension von "Der Richter und sein Henker" von Friedrich Dürrenmatt, jeweils mit verschiedenen Schwerpunkten.

Das perfekte Verbrechen

Bei Friedrich Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker handelt es sich um eine ausgeklügelte, genauestens strukturierte Charakterstudie, die im Gewand eines Kriminalromans daherkommt. Erzählt wird der letzte Akt im vierzig Jahre alten lebensphilosophischen Wettstreit zwischen dem mittlerweile todkranken Schweizer Kommissär Hans Bärlach und dem chamäleonartigen Schwerverbrecher Gastmann. Aufhänger hierfür ist der Mord an einem jungen Polizeibeamten, der die beiden Kontrahenten ein letztes Mal zusammenführt und die Entscheidung in ihrer ursprünglichen Streitfrage erzwingt: Gibt es das perfekte Verbrechen, das nicht nur ungeahndet, sondern auch ungeahnt bleibt? Oder fördert der Zufall am Ende doch zwangsläufig jedes Verbrechen zutage?

Gespiegelt werden diese großen Zusammenhänge in der Detektivgeschichte des Romans. Diese berichtet davon, wie Bärlach und sein Assistent Tschanz den Mord an dem Polizeileutnant Ulrich Schmied untersuchen. Alle Spuren scheinen zu Gastmann zu führen, doch dieses eine Mal ist der Verbrecher unschuldig. In Wirklichkeit sind Bärlach und Tschanz diejenigen, die etwas zu verbergen haben und unter dem Deckmantel der Ermittlungen ihre eigenen Ziele verfolgen: Bärlach will sein Lebenswerk vollenden und seinen alten Widersacher Gastmann endlich mit allen Mitteln zur Strecke bringen, während Tschanz im Zuge seiner Mordermittlungen gewisse Indizien sehr genau aussortiert und verschwinden lässt. Denn er ist derjenige, der Ulrich Schmied aus Neid und Eifersucht getötet hat.

Dass er dabei lediglich als Schachfigur im genau berechneten letzten Spielzug des Kommissärs agiert, merkt Tschanz erst dann, als es bereits zu spät ist. Bärlach hält im Geheimen alle Fäden in der Hand, hat sich selbst längst zum Richter aufgeschwungen und Gastmann zum Tode verurteilt. In die Ecke gedrängt, sieht sich Tschanz dazu gezwungen, Gastmann hinzurichten und wird somit unweigerlich zu Bärlachs Henker. Auf diese Weise triumphiert der alte Kommissär über seinen Gegner und verliert dabei doch das Spiel: Als Tschanz als letzter Mitwisser am Ende in einem zweifelhaften Autounfall ums Leben kommt, hat Bärlach selbst das perfekte Verbrechen begangen, das für immer im Verborgenen bleiben wird.

Das Wesen der Menschen

Dürrenmatt hat den Roman im Jahr 1948 verfasst und angesiedelt, also unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor diesem zeitlichen Hintergrund erhält seine Geschichte von der Frage nach Gerechtigkeit, Schuld und Sühne und von der Grauzone zwischen Gut und Böse her noch einmal eine besondere Brisanz. Ohne die Schrecken des zurückliegenden Krieges direkt zu thematisieren, kann der Autor auf diese Weise das äußerst populäre Genre des Kriminalromans mit einem Themenkomplex verbinden, der ganz Europa und vor allem den deutschsprachigen Raum bewegt. Sicherlich kommt Dürrenmatt dabei auch zugute, dass er sich als Schweizer Staatsbürger zu dieser Zeit eher eine gewisse politische Neutralität auf die Fahnen schreiben kann als Vertreter anderer Nationen.

Doch auch über seinen historischen Kontext hinaus behält der Roman seine Gültigkeit und Faszination, was sich nicht nur an seinem festen Platz in den deutschsprachigen Lehrplänen ablesen lässt. Vielmehr verdankt sich diese Tatsache den Kernthemen des Autors Dürrenmatt, mit denen er sich in vielen seiner Werke immer wieder neu auseinandersetzt und die auch in Der Richter und sein Henker zum Tragen kommen: Der Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen im Angesicht ungeheurer Mechanismen, denen er nichts entgegenzusetzen hat, und der Frage nach seiner Rolle in einer zunehmend absurden Welt.

Diese Komplexität zeigt sich nicht zuletzt in Dürrenmatts Spiel mit den Genregrenzen des Kriminalromans und im Einsatz eines Erzählers, der den Leser ebenso in heimtückische Fallen lockt, wie die Figuren des Romans einander immer wieder neue Fallen stellen. Nichts und niemand in diesem Text ist das, was er zu sein vorgibt. So kreiert Dürrenmatt eine einzigartige Atmosphäre von Spannung und erfüllt gerade dadurch die Kriterien der Detektivgeschichte mit größerer Bravour, als es manchen klassischen Vertretern dieser Literaturgattung bis dahin gelungen ist.