Personenkonstellation

In diesem Abschnitt nehmen wir die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den wichtigsten Personen genauer unter die Lupe: Vor allem die Beziehungen zwischen den "kleinen Beamten" wie Bärlach, Schmied und Tschanz und den "hohen Tieren", wie Gastmann, Lutz und von Schwendi geben Aufschluss über die Aussageabsicht Dürrenmatts und seine Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit.

Beziehung Bärlach und Gastmann

Dass die beiden im übertragenen Sinne tatsächlich so etwas wie ein Liebes- oder gar Ehepaar sind, bringt Gastmann selbst zum Ausdruck, wenn er über ihre erste Begegnung sinniert: „Wir liebten uns auf den ersten Blick“ (65). Der Abschluss der Wette zwischen den beiden kann in dieser Hinsicht also als eine Art Treueschwur oder Ehegelübde interpretiert werden. Tatsächlich bleiben Bärlach und Gastmann ihr Leben lang voneinander abhängig, stets darum bemüht, ihrerseits die Wette zu gewinnen, die sie „für ewig zusammen[kettet]“ (70).

Die Intimität, mit der Gastmann und Bärlach einander vertraut sind, belegt der Text jedoch nicht nur durch ihre weit zurückreichende gemeinsame Vorgeschichte, sondern auch dadurch, dass er sie im wahrsten Sinne des Wortes aktenkundig macht: Auf der einen Seite hatte der ermordete Ulrich Schmied auf Bärlachs Anweisung hin „eine Mappe“ (12) zusammengestellt, die „Beweise“ (72) über Gastmanns wahres Ich und seine Verbrechen enthält. Auf der anderen Seite hat Gastmann Bärlachs „Krankheitsgeschichte“ (88) aus Doktor Hungertobels Praxis eingesehen, aus der hervorgeht, dass der Kommissär nur „noch ein Jahr“ (64) zu leben hat, wenn er sich „jetzt operieren läßt“ (64).

Ebenso wie es für Gastmann von größter Bedeutung ist, seine wahre Identität zu verbergen, so hat auch Bärlach ein großes Interesse daran, seine tödliche Magenkrankheit zu verschweigen. Beide Dokumente enthalten also private Geheimnisse, die nicht für die Öffentlichkeit und eigentlich erst recht nicht für die Augen des jeweils Anderen bestimmt sind. Trotzdem verschaffen sich sowohl Bärlach als auch Gastmann Einsicht in diese Dokumente und somit in ihre gegenseitige Intimsphäre, und zwar in beiden Fällen mithilfe unlauterer Methoden: Bärlach hat die Dienstwege der Kriminalpolizei klar missachtet und Gastmann seinen Mitarbeiter Schmied „auf den Hals geschickt“ (64), während Gastmann in Hungertobels Praxis „eingebrochen“ (88) ist. Als vorherrschendes Thema zwischen Bärlach und Gastmann erweist sich also auch hier wieder die Gerechtigkeit, mit der es beide, streng juristisch beurteilt, nicht so genau nehmen. 

Beziehung Tschanz und Schmied

Sowohl Ulrich Schmied als auch Tschanz sind aufstrebende Mitarbeiter der Berner Kriminalpolizei und unterstehen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrer Laufbahn dem Vorgesetzten Hans Bärlach. Schmied wird als „Polizeileutnant“ (5) bezeichnet. Über die genaue Bezeichnung von Tschanz‘ Dienstgrad erfährt der Leser hingegen nichts. Es ist jedoch zu vermuten, dass er rangniedriger sein dürfte als Schmied, denn Tschanz betont, man habe ihn immer bloß als „besseren Briefträger“ (86) benutzt. Der größte Unterschied zwischen ihnen beiden und zugleich auch das Motiv für Tschanz‘ Mord an Schmied ist die soziale Komponente: Schmied hatte „reiche Eltern“ (26), besuchte „bessere Schulen“ (86) und hatte beruflich „eine große Zukunft vor sich“ (26).

Als entscheidend jedoch erweist sich Tschanz‘ Verhalten nach dem Mord: Bereits bei seiner ersten Begegnung mit Tschanz erschrickt Bärlach, „denn im ersten Moment glaubte er, der tote Schmied komme zu ihm“ (18). Tatsächlich trägt Tschanz „den gleichen Mantel wie Schmied und einen ähnlichen Filzhut“ (18) und verwandelt sich im weiteren Verlauf des Textes regelrecht in den Toten. Zuerst nimmt Tschanz Schmieds Stellung als Bärlachs A...

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