Gerechtigkeit

Der Richter

Die juristische und die moralische Gerechtigkeit

Ebenso wie in Der Richter und sein Henker, so geht es in jedem Kriminalroman um ein Verbrechen und um die damit verbundene Frage nach der Gerechtigkeit. Bereits im Genretitel des Kriminalromans steckt crimen, das lateinische Wort für Verbrechen. Verhandelt wird also stets ein Akt des Brechens, genauer formuliert: des Bruches der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung durch den Täter. In einem Rechtsstaat ist diese Ordnung durch Gesetze präzise festgelegt und wird durch Gerichte aufrechterhalten. Demnach existieren stets genaue Vorschriften, wann und wie die jeweilige Gesellschaft dem schuldig gewordenen Täter sein Unrecht zu vergelten hat.

Die Art oder Möglichkeit einer solchen Gerechtigkeit im juristischen Sinne ist allerdings eben gerade nicht der Gegenstand der Wette zwischen dem Kommissär und seinem alten Widersacher. Auf der einen Seite bestätigt Gastmann unumwunden: „Daß ich so etwas Ähnliches wie ein Verbrecher bin, kann ich nun nicht gerade ableugnen“ (69). Auf der anderen Seite begründet Bärlach seine eigene Verbrechensbekämpfung allerdings zu keinem Zeitpunkt mit seiner Liebe zur Gerechtigkeit oder mit moralischen Idealen.

Die Bestätigung eigener These

Vielmehr nimmt der Kommissär es selbst mit den Regeln und Vorschriften alles andere als genau: So raucht Bärlach in Lutz‘ Büro, „wohl wissend, daß sich der jedesmal über die Freiheit ärgerte, die sich der Alte […] herausnahm“ (13). Aber auch die geheimen Ermittlungen Schmieds unter dem Namen „Doktor Prantl“ (47), die der Bärlach in Gang setzt, sind keineswegs mit seinem Vorgesetzten abgesprochen und laufen daher eindeutig der Befehlskette der Kriminalpolizei zuwider. Es ist also keineswegs verwunderlich, dass Bärlach beim Abschluss der Wette seinen Standpunkt nicht damit begründet, dass die Kriminalität moralisch verwerflich sei.

Vielmehr argumentiert er, ein „Verbrechen zu begehen“ (67), sei „eine Dummheit“ (67), und zwar entsprechend seiner eigenen These von der Unmöglichkeit der perfekten Planung. Allein der Wille zum Beweis dieser These scheint der Grund dafür zu sein, dass sich der Kommissär sein Leben lang rigoros für die Aufklärung von Verbrechen einsetzt.

Während einerseits Gastmann keinerlei Gedanken an Gerechtigkeit verschwendet und „das Gute ebenso aus einer Laune […] tut wie das Schlechte“ (82), lässt sich andererseits Bärlach von seinem sehr eigenen Bild von Gerechtigkeit leiten, da...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen